Porträtfoto von Nils Scheffler, Stadtplaner und beim Projekt “Einsamkeit. Neue Anforderungen an lebendige Quartiere”, daneben das Zitat “Allein über bauliche Strukturen wird man Einsamkeit nicht vermeiden können, denn das gesellschaftliche Leben besteht aus menschlichen Beziehungen.”

Wie deine Nachbarschaft dich vor Einsamkeit schützen kann

Interview mit Nils Scheffler

Das Wohnhaus, die Nachbarschaft und das Quartier können beeinflussen, wie einsam wir uns fühlen. Davon geht der Stadtplaner Nils Scheffler aus. Zusammen mit seiner Kollegin Petra Potz forscht er daran im Projekt “Einsamkeit. Neue Anforderungen an lebendige Quartiere”. Im Interview erklärt er, welche Risikofaktoren für Einsamkeit in einem Quartier zusammenkommen und wie eine einsamkeitsresiliente Wohnumgebung aussieht.

Upstream: Herr Scheffler, wie beeinflusst der Ort, an dem wir leben, ob wir uns einsam fühlen?

Scheffler: Einsamkeit wird durch unterschiedliche Risikoaktoren hervorgerufen. Wesentlich ist letztendlich die Diskrepanz zwischen dem, was man sich an sozialen Beziehungen wünscht, und dem, was man tatsächlich hat. Einsamkeit hat viel mit Kontakten und sozialer Interaktion im Alltagsleben zu tun, mit Freund*innen, aber auch mit anderen Leuten sowie mit sozialer Teilhabe. Das Quartier als Sozialraum kann ein Ort sein, an dem man leichter Kontakte und nachbarschaftliche Beziehungen aufbauen und pflegen kann. Es ist der Lebens- und Interaktionsraum, wo man Besorgungen macht und seine Freizeit verbringt, und damit ein Ansatzpunkt, um Einsamkeit entgegenzuwirken.

Was versteht man unter einem Quartier?

Scheffler: Das Quartier ist weniger ein geografisch strukturierter Bezirk, sondern der Sozialraum, in dem Menschen miteinander agieren. Städtebauliche Strukturen bilden über Freiräume und Gebäude ein Quartier, in dem soziale Interaktion stattfindet. Was genau das Quartier ist, muss vor Ort definiert werden. In Berlin ist der Kiez das Pendant zum Begriff des Quartiers. Aber auch ein Dorf kann ein Quartier sein.

Kurz und knapp: Das Projekt “Einsamkeit. Neue Anforderungen an lebendige Quartiere”

Die Stadtplaner*innen Nils Scheffler und Petra Potz entwickeln in Kooperation mit der Wüstenrot-Stiftung Maßnahmen, mit denen Kommunen Einsamkeit auf der Quartiersebene entgegenwirken können. Dabei setzen sie an drei Hebeln an: Gebaute Umwelt und Infrastrukturen, professionelle Unterstützung und bürgerschaftliches Engagement. Es geht also sowohl darum, wie ein Quartier aufgebaut ist, als auch, welche sozialen Aktivitäten und Hilfsangebote es dort gibt. Das Projekt ist auf drei Jahre ausgelegt: Nach der Recherche und Analyse 2023 erkunden und diskutieren Scheffler und Potz derzeit in interdisziplinären Arbeitsgruppen Handlungsfelder. Im kommenden Jahr wollen sie einen integrierten Handlungsansatz, der aus den einzelnen Ansätzen entsteht, publizieren und Kommunen als Arbeitshilfe zur Verfügung stellen.

Ihr Projekt erforscht „neue Anforderungen an lebendige Quartiere“. Wodurch wird ein Quartier lebendig?

Scheffler: In einem lebendigen Quartier trifft man im Alltag auf Leute, ob bewusst oder zufällig. Wenn der öffentliche Raum kommunikationsfördernd gestaltet ist, verbringt man dort mehr Zeit und trifft leichter auf Leute. Genauso ist das Wohngebäude ein Ort, an dem man viel Zeit verbringt: Gibt es dort Räume und Gelegenheiten, um mit anderen Leuten in Kontakt treten? Hinzu kommen Gemeinschaftseinrichtungen und Begegnungsorte – und die Frage: Gibt es noch Orte der Daseinsvorsorge, die Bäckerei oder die Bank, wo man einen kleinen Schwatz halten kann? Das sind alles Facetten, die ein lebendiges Quartier ausmachen.

Was ist mit Orten, wo es das nicht gibt?

Scheffler: Wo solche Räume weniger gegeben sind, gibt es weniger Gelegenheiten, mit anderen Leuten in Kontakt zu treten. Je stärker das Einsamkeitsgefühl ist und je länger man sich einsam fühlt, desto stärker zieht man sich zurück. Darum ist es wichtig, dass niedrigschwellige, fast zufällige Möglichkeiten geschaffen werden, um mit Leuten in Kontakt zu kommen und so Schritt für Schritt wieder aus dem Alleinsein herauszukommen.

Ein Teil Ihres Projektes ist, einsamkeitsgefährdete Quartiere zu identifizieren. Warum ist das so wichtig?

Scheffler: Man könnte sagen, alle Maßnahmen, die gegen Einsamkeit wirken, wendet man auf alle Quartiere an. Aber letztendlich sind die Ressourcen begrenzt. Eventuell ist es nicht einmal notwendig, weil Einsamkeit räumlich unterschiedlich verteilt sein kann. Darum untersuchen wir, was die Risikofaktoren sind, die Einsamkeit hervorrufen, und wie sie sich räumlich verteilen. Wenn sich in einem Quartier viele Risikofaktoren wiederfinden, gehen wir davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass dort Menschen leben, die von Einsamkeit betroffen sind. Dort kann man gezielt mit Maßnahmen ansetzen.

Welche Maßnahmen helfen gegen Einsamkeit?

Scheffler: Wir schauen, welche infrastrukturellen und baulichen Qualitäten im Quartier geschaffen werden können, die soziale Teilhabe und Interaktionen fördern. Ein weiterer Ansatz sind Aktivitäten: Dabei geht es darum, Brücken in die Lebenswelten einsamer Menschen zu bauen, indem professionelle Einrichtungen und Dienste ebenso wie lokale Initiativen und Vereine entsprechende Aktivitäten anbieten. Diese Einrichtungen müssen erkennen, wenn Menschen unter Einsamkeit leiden – und dann wissen, wie man damit umgeht.

Wie erkenne ich einsame Menschen in meiner Nachbarschaft?

Scheffler: Leute, die anfangen, sich einsam zu fühlen, haben meist noch Energie und wollen das ändern. Sie schauen nach Aktivitäten und Anschluss. Bei chronischer Einsamkeit ziehen Menschen sich eher zurück und sind weniger darauf aus, Leute zu treffen. Wir haben Einsamkeits-Personas entwickelt, um zu zeigen, wie vielschichtig einsame Personen sein können und wie unterschiedlich ihre Lebenssituationen sich darstellen.

Wer kann dann helfen?

Scheffler: Einsame Menschen sind im Alltag mit unterschiedlichen Anlaufstellen und öffentlichen Institutionen in Kontakt, wie Hausarztpraxen oder dem Einzelhandel. Bei Kindern und Jugendlichen sind es die Schulen. Ärmere Menschen haben ein größeres Einsamkeitsrisiko, also könnten unter anderem Arbeitsagenturen geschult werden. Auch ein Quartiersmanagement kann eine Anlaufstelle sein.

Neben Armut: Welche weiteren Risikofaktoren sehen Sie für Einsamkeit?

Scheffler: Kritische Lebensphasen oder -umstände, können Menschen aus der Bahn werfen und dazu führen, dass sie sich zurückziehen: andauernde Erwerbslosigkeit, der Tod einer wichtigen Bezugsperson, eine Trennung oder ein schwerer Unfall. Oder Umbruchphasen: Man zieht für einen neuen Job an einen Ort, an dem man niemanden kennt. Ein weiterer Risikofaktor ist der Zeitmangel, beispielsweise bei Alleinerziehenden oder Personen, die sich auf ihre Karriere konzentrieren oder die Angehörige pflegen. Hinzu kommen ein schlechter Gesundheitszustand, körperliche und mentale Beeinträchtigungen oder Sprachbarrieren als Risikofaktoren.

Das sind vor allem individuelle Faktoren. Wie beziehen sie das auf ein ganzes Quartier?

Scheffler: Viele Risikofaktoren sind individuell und Einsamkeit wird individuell empfunden. Viele der Faktoren führen dazu, dass man weniger am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und sich dann ausgeschlossen fühlt. Das wiederum kann man gut auf der Quartiersebene angehen. Wir schauen außerdem, was einsamkeitsresilient Quartiere ausmacht: Wie verstärken sie Einsamkeit oder können sie dabei helfen, Einsamkeit zu überwinden?

Ein Aspekt dabei sind bauliche Strukturen. Kann ein Quartier so gebaut sein, dass dort niemand einsam ist?

Scheffler: Allein über bauliche Strukturen wird man Einsamkeit nicht vermeiden können, denn das gesellschaftliche Leben besteht aus menschlichen Beziehungen. Aber der gebaute Raum kann unterstützen, dass Menschen interagieren und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Ein Ansatz sind soziale, gemeinschaftsfördernde Wohnformen.

Aber nicht alle möchten in solchen Wohnprojekten mit anderen Menschen zusammenleben. Um trotzdem soziale Interaktion im Wohnbereich zu fördern, sollten in Gebäuden die sogenannten Dazwischen-Räume kommunikationsfördernd gestaltet werden. Das können Laubengänge, Balkonbänder oder Gärten sein, die alltägliche, ungeplante Kommunikation erleichtern. Wichtig ist, dass man sich dort nicht nur gerne aufhält, sondern diese Orte auch barrierefrei erreichbar sind.

Und wie sollte das Quartier außerhalb des Wohnhauses aussehen?

Scheffler: Öffentlicher Raum muss so gestaltet sein, dass man ungeplant Menschen begegnen und mit ihnen ins Gespräch kommen kann. Einsame Menschen sollten sich gerne dort aufhalten und nicht das Gefühl haben, mit jemandem reden zu müssen. Es geht um das Gefühl, draußen zu sein, andere Menschen zu sehen und möglicherweise das gleiche zu tun: Enten füttern und dabei andere Leute anzutreffen, die auch Enten füttern. So kann ein Zugehörigkeitsgefühl entstehen. Je besser die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum ist, umso eher verweile ich dort auch länger. Je mehr Leute länger an einem Ort verweilen, desto eher kommt man miteinander in Kontakt.

Die Orte sollen helfen, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Ein wichtiger Aspekt sind Sitzgelegenheiten, die einladend arrangiert sind. Auch Begegnungsorte sind wichtig, die zugänglich sein müssen, sowohl physisch – Stichwort Barrierefreiheit – als auch ökonomisch.

Was macht einen guten Begegnungsort aus?

Scheffler: Wichtig ist der Mix aus konkreten Angeboten und der Möglichkeit, mitwirken und selbst etwas organisieren zu können. Einen Ort, an dem man nur Tischtennis spielen kann, wird man nur zum Tischtennisspielen besuchen. Wenn es mehr Möglichkeiten für Aktivitäten gibt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass weitere Leute diesen Ort nutzen. Man sollte Begegnungsorte auch aufsuchen können, ohne an einer Aktivität teilnehmen zu müssen, und zum Beispiel in einer schönen Ecke ein Buch lesen und günstig einen Kaffee oder Tee trinken können.

Ein weiterer Ansatz in Ihrem Projekt ist professionelle Unterstützung. Was fällt darunter?

Scheffler: Wir überlegen, wie Einrichtungen, die schon im Quartier tätig sind und eine gewisse Kontinuität garantieren, wie soziale Dienste oder das Quartiersmanagement, ihre Aktivitäten um das Thema Einsamkeit erweitern können. Sie dafür zu sensibilisieren ist ein erster Schritt. Sie können eine Brückenfunktion übernehmen, um Einsame zu unterstützen, Kontakt zu anderen Personen aufzunehmen. Hilfreich kann schon sein, für eine einsame Person für ein paar Minuten als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen und ihr Angebote aufzuzeigen, die es in der Nachbarschaft gibt: “Du hast doch erzählt, du spielst gerne Skat. Am Donnerstag wird im Generationentreff immer Skat gespielt. Wir können dort mal gemeinsam hingehen.”

Wie entsteht eine engagierte Nachbarschaft, in der es Skatrunden oder Vereine gibt?

Scheffler: Oft gibt es in einem Quartier mehr Vereine und Initiativen, als man glaubt. Aber: Wie erfährt man davon? Die Vielfalt der Angebote und Möglichkeiten muss bekannt gemacht werden. Dazu eignen sich auch digitale Tools wie Quartiersplattformen. Wer neu in eine Stadt kommt und sich einsam fühlt, hat oft den Drang, das zu ändern und Anschluss zu finden – und sollte leicht an Informationen kommen, was wo passiert, welche Vereine oder Initiativen es gibt. Gleichzeitig sind Vereine wiederum Einrichtungen mit Ehrenamtlichen, die Menschen erkennen können, die sich möglicherweise einsam fühlen und sie unterstützen können.

Gibt es schon Städte, die Einsamkeit etwas entgegensetzen?

Scheffler: Die Stadt Barcelona hat eine Einsamkeitsstrategie entwickelt, allerdings weniger auf der baulichen Ebene und mehr im Bereich soziale Teilhabe. In Deutschland sind Stuttgart und Dortmund dabei, Angebote und Maßnahmen zu entwickeln. Die Quartiersebene, an der unser Projekt ansetzt, ist aber bislang nicht im Fokus von Einsamkeitsstrategien. Das wollen wir ändern und Kommunen und anderen Akteuren aufzeigen, was im Quartier möglich ist, wenn man die unterschiedlichen Handlungsfelder zusammenführt.

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