Interview. Wie das Drug-Checking-Labor auf die Party kommt. Das ALIVE-Team. Eine Kooperation von “SubCheck” und “miraculix”. Unter dem Text ist ein Foto eines bunt bemalten Wohnmobils zu sehen, auf dessen Tür das Logo der Drogerie prangt. Davor stehen fünf Personen, das ALIVE-Team.

Wie das Drug-Checking-Labor auf die Party kommt

Interview mit Roxana Preuß und Sebastian Franke

Wer beim Feiern Drogen konsumiert, muss sich meist auf die Versprechen der Dealer*innen verlassen: “Das ist Speed”, oder “Die Pille hat 140 Milligramm MDMA.” Aber was, wenn das gar nicht stimmt? Wenn dem Pulver andere Substanzen beigemischt sind oder die Pille die doppelte Menge Wirkstoff enthält, kann der Drogentrip deutlich anders ausfallen als erhofft – im schlimmsten Fall tödlich. Damit das nicht passiert, haben sich das Thüringer Suchthilfe-Projekt “SubCheck” und das Jenaer Start-up “miraculix” zusammengetan und ein mobiles Labor aufgebaut. Seit gut einem Jahr sind sie auf Partys unterwegs und testen Drogen. Roxana Preuß von “miraculix” und der Sozialarbeiter Sebastian Franke erklären im Interview, wie das Drug-Checking abläuft und weshalb das Angebot noch so selten ist.

Upstream: Was passiert beim Drug-Checking?

Sebastian Franke: Wenn wir von Drug-Checking sprechen, reden wir eigentlich immer vom “Integrated Drug-Checking”. Die Analyse der Substanzen ist immer mit einem psychosozialen Beratungsgespräch verbunden. Wir geben den User*innen nicht nur die Ergebnisse in die Hand, sondern klären sie auf und versuchen, ihre Konsumkompetenz zu stärken.

Was ist Konsumkompetenz?

Sebastian Franke: Konsumkompetenz bedeutet, dass wir mündige Entscheidungen treffen, weil wir über die Substanzen Bescheid wissen, die wir konsumieren wollen. Wir kennen Nebenwirkungen und Kreuzreaktionen mit anderen Substanzen. Und wir wissen, welches Setting das richtige ist, um eine Droge zu konsumieren. Dahinter steckt aber auch, das eigene Konsumverhalten zu reflektieren: Wie oft gehe ich feiern? Wie oft sind Drogen im Spiel?

Warum ist diese Kompetenz wichtig?

Roxana Preuß: Oft ist in den Drogen nicht das drin, was die Klient*innen erwarten. In MDMA-Tabletten kann eine ganz andere Konzentration sein als sie annehmen. Das kann niedriger ausfallen, aber auch zwei-, dreimal so hoch. Es ist wichtig, das zu messen und darüber hinaus den Konsument*innen weitere Informationen zu den Substanzen zu vermitteln.

Sebastian Franke: Wir wollen, dass mit den Informationen aus der Analyse korrekt umgegangen wird und niemand denkt: “Boah, damit kann ich mir jetzt eine fette Line legen.” Bei Amphetaminen zeigen unsere Tests oft eine Wirkstoffkonzentration von maximal 20 bis 30 Prozent. Der Rest sind andere Stoffe. Dabei handelt es sich oft um neue Psychoaktive Substanzen, deren Langzeitfolgen komplett unerforscht sind. Das ist ein absolut hohes Risiko. Wenn die Substanz eine geringe Konzentration hat, sollte man deshalb besonders vorsichtig sein.

Angenommen, ich möchte bei euch eine Ecstasy-Pille testen. Wie läuft das ab?

Sebastian Franke: Am Infotisch des “Drogerie”-Projekts der Suchthilfe triffst du unsere Volunteers, die dir sagen, dass wir Drug-Checking anbieten. Je nach Partyort wirst du dann in einen Raum geführt oder zu unserem Wohnmobil.

Wie geht es dort weiter?

Roxana Preuß: Da nehmen wir von “miraculix” dich in Empfang. Wir erklären, wie die Analyse abläuft und wie du daran beteiligt bist. Dann erheben wir Daten: Was ist das für eine Substanz, wie sieht sie aus? Um das zu dokumentieren, machen wir ein Foto von der Substanz. Anschließend wiegst du etwa 50 Milligramm von der Ecstasy-Pille ab. Die kommen in eine Flüssigkeit, die Füllstoffe wie Farbstoffe oder Stärke rausfiltert. Dann kommt das Ganze in die Nachweisreagenz.

Wann erfahre ich das Ergebnis?

Roxana Preuß: Nach etwa zwölf Minuten schlägt die Farbe der Flüssigkeit um. In dieser Zeit führen wir weitere Tests durch, zum Beispiel auf Füll- oder Streckstoffe. Auch hieran bist du aktiv mit beteiligt.

Eine Person im weißen Kittel und schwarzen Einweghandschuhen hält eine Pipette mit einer Flüssigkeit in der Hand.
Im mobilen Labor werden die Substanzen mit verschiedenen Tests geprüft. (Bild: ALIVE)

Und dann gibt’s das Beratungsgespräch?

Sebastian Franke: Genau, du gehst direkt weiter zu einem Hauptamtlichen der Suchthilfe. Die psychosoziale Intervention ist anonym, genau wie die Analyse davor. Wir erklären dir das Ergebnis und wie wir das Risiko einschätzen. Außerdem bekommst du Informationen dazu, wie sich Schaden minimieren lässt und zu Safer Use.

Ist dieses Gespräch Pflicht?

Sebastian Franke: Wir können niemanden dazu zwingen, wollen wir auch nicht. Würden wir plump sagen “wir wollen mit dir über dein Konsumverhalten sprechen”, hätte da wahrscheinlich niemand Bock drauf. Wenn wir über Harm Reduction reden, sprechen wir auch das Konsumverhalten an. Es ist nicht unser Anspruch, mit einem einmaligen Gespräch das Konsumverhalten zu ändern. Aber wir geben Impulse, sich damit auseinanderzusetzen.

Auf einem runden Holztisch liegen verschiedene Flyer der Drogerie und Safer-Use-Utensilien, wie Desinfektionstücher, aus.
Zur Analyse gehört immer auch ein Gesprächs- und Informationsangebot. (Bild: ALIVE)

Was ist, wenn ich einen extrem gefährlichen Stoff dabei habe?

Sebastian Franke: Dafür haben wir ein Vernichtungsgefäß, in der du die Substanz auflösen kannst, wenn du das möchtest.

Wie oft kommt es vor, dass jemand seine Drogen so vernichtet?

Sebastian Franke: Das ist kein Einzelfall. Bei zehn Tests am Abend kommt das ein- bis zweimal vor. Das ist ja auch eine Aussage, deshalb haben wir angefangen, das zu dokumentieren.

Wie reagieren die User*innen auf euer Angebot?

Roxana Preuß: Bei vielen Konsument*innen kommt es gut an, dass sie bei der Analyse dabei sind, weil sie verstehen, was da passiert und ein besseres Gefühl für die Zusammensetzungen bekommen.

Warum dokumentiert ihr die Drogen so genau?

Roxana Preuß: Wenn bei der Analyse etwas Bedenkliches rauskommt, können wir Warnungen rausgeben. Das ist nicht nur auf der Party wichtig, sondern für die gesamte Region. Die lokalen Notambulanzen und Gesundheitsversorger sollten davon wissen. In Thüringen haben unsere Tests im vergangenen Jahr öfter gezeigt, dass Amphetamin mit Methamphetamin versetzt war, was sehr bedenklich ist. So etwas zu wissen, ist wichtig für die Gesundheitsprävention.

Kündigt ihr an, wann ihr auf welcher Party seid?

Sebastian Franke: Nein, das machen wir nicht, um unsere Klientel und die Veranstaltenden zu schützen. Wenn es auf einer Party Drug-Checking gibt, könnte das bedeuten, dass Menschen hingehen, die illegale Substanzen dabei haben. Da dürfte die Polizei nicht wegschauen, wie es ihr bei Drogenkonsumräumen erlaubt ist.

Wie verboten ist das, was ihr beim Drug-Checking macht?

Sebastian Franke: Wir machen uns nicht strafbar, weil wir zu keiner Zeit Betäubungsmittel in der Hand haben. Sobald die Proben in der Lösung sind, werden sie aufgespalten und sind keine Betäubungsmittel mehr. Das kann man nicht wieder rückgängig machen. Grundsätzlich muss man festhalten: Drug-Checking ist in Deutschland nicht verboten. Es gibt aber auch keinen Paragrafen im Betäubungsmittelgesetz, der die Analyse in der Suchthilfe erlaubt. Darum ist es so lange nicht möglich gewesen.

Vor gut einem Jahr wurde im Koalitionsvertrag festgehalten, dass Modellprojekte für Drug-Checking aufgebaut werden sollen. Ihr habt schon vorher gestartet. Wie war das möglich?

Sebastian Franke: Thüringens Landesregierung hatte schon früher ein Pilotprojekt geplant. Ich habe das Konzept 2017 geschrieben, ein Jahr später ist “SubCheck” mit meinem Kollegen Patrick Krauße an den Start gegangen. Anschließend haben wir Wege gesucht, um Drug-Checking in die Suchthilfe und -prävention einzubetten. Das hat lang gedauert, weil es viele Hürden gab.

Welche Hürden waren das?

Roxana Preuß: Beim klassischen Drug-Checking gibt man die Substanzen im Labor ab. Das darf aber in Deutschland eigentlich keine Drogen annehmen. Das dürfen bisher nur Apotheken oder Labore, die zur wissenschaftlichen und pharmakologischen Forschung eine Erlaubnis haben.

Wie umgeht ihr dieses Verbot?

Roxana Preuß: Mein Kollege Felix Blei hat nach seiner Promotion zu Psilocybin, also dem Wirkstoff in halluzinogenen Pilzen, einen Schnelltest entwickelt, um den Wirkstoffgehalt festzustellen. Nach und nach haben wir Tests für weitere Substanzen entwickelt, unter anderem MDMA und LSD. Dann haben wir das Team der Drogerie kennengelernt. Gemeinsam haben wir einen Weg gefunden, wie Drug-Checking möglich ist: indem die Analyse auf die Party kommt.

Wie geht es mit eurem Angebot weiter?

Sebastian Franke: Noch sind wir ein Pilotprojekt. Wir arbeiten daran, dass es nicht dabei bleibt. Wir erheben Daten, um unser Angebot zu evaluieren, und wollen die Ergebnisse nächstes Jahr veröffentlichen. Natürlich wollen wir das Angebot auf Partys professionalisieren, verstetigen und ausbauen. Dazu wollen wir aber auch ein stationäres Angebot entwickeln. Ob das funktioniert, hängt immer auch an Fördergeldern.

Es gibt die Kritik, Drug-Checking würde ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln und Konsum verstärken.

Sebastian Franke: Ich finde es schwierig, da überhaupt von Sicherheit zu sprechen. Das klingt, als würde es sicheren Drogenkonsum geben. Es gibt aber keinen risikofreien Konsum, weder von illegalen Drogen, noch von legalen Drogen. Mit Drug-Checking können wir darum keine Sicherheit geben. Wir können aber verhindern, dass es zu akuten Notfällen kommt. Unsere Zielgruppe sind nicht diejenigen, die keine Drogen konsumieren, sondern diejenigen, die das auch ohne unser Angebot tun. Deren verantwortungsbewussten Umgang mit ihrem Konsumverhalten und mit sich selbst können wir stärken. Denn der Umgang mit psychotropen Substanzen sollte immer so mündig und reflektiert wie möglich sein.

Schlagworte:

Lass uns gemeinsam den gesundheitlichen Auswir­kungen von Ungleichheit auf den Grund gehen.