Teasergrafik für das Interview mit Bülent Aksakal. Oben links: Im Interview. Bülent Aksakal. Unten links: Gesundheitfachkraft in Bremer Quartierene. LVG & AFS Niedersachsen. Rechts: Potrait von Bülent Aksakal.

“Man sollte ökonomische Armut nicht mit menschlicher Armut verwechseln”

Interview mit Bülent Aksakal

Bülent Aksakal arbeitet seit März 2021 als Gesundheitsfachkraft im Stadtteil Gröpelingen in Bremen. Er kennt sich dort aus, denn er ist im Nachbarstadtteil aufgewachsen und hat lange als Sozialarbeiter gearbeitet. Gesundheitskräfte sollen dort gemeinsam mit lokalen Netzwerken die Gesundheitslage verbessern, insbesondere während der Corona-Pandemie. Die Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen koordiniert dafür das Projekt “Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren”, was mit Geldern des Landes finanziert wird.

Herr Aksakal, wenn ein Kind in Bremen geboren wird, unterscheidet sich dessen Lebenserwartung je nach Viertel um bis zu 7 Jahre. Woran liegt das?

Der Bremer Westen ist von der Sozialstruktur her deutlich schlechter gestellt, als Stadtteile wie zum Beispiel Schwachhausen oder Horn-Lehe. In Stadtteilen wie Gröpelingen sind viel mehr Menschen arbeitslos. Außerdem gehen vermehrt Geflüchtete in diese Stadtteile, weil die Mieten dort geringer sind und das Arbeitsamt nur bestimmte Höhen von Mieten zahlt. Dadurch werden Menschen automatisch dazu gedrängt in diesen Stadtteile zu wohnen. Hinzu kommt bei manchen ein geringerer Bildungshintergrund, sodass die Kindern nicht richtig von den Eltern unterstützt werden können. Aktuell leiden diese Kinder mehr unter Quarantänemaßnahmen als Kinder in besser gestellten Stadtteilen.

Warum sind die Menschen in den genannten Vierteln schlechter gestellt?

Das Hauptproblem ist die ökonomische Armut. Das sollte man nicht verwechseln mit menschlicher oder kultureller Armut. Oder auch mit einem niedrigen Bildungsgrad. Die Menschen, die sich in solchen Situationen befinden, machen die harten Jobs für uns. Jobs, die sonst keiner machen möchte. Die Menschen sind in keinem Fall problematischer als Menschen in besser gestellten Stadtteilen. Da sind sehr viele tolle und engagierte Menschen dabei, die sich gegenseitig helfen, sich sehr gut durchkämpfen und mehr Unterstützung verdient haben.

Was muss passieren, damit die Lebenserwartung weniger vom sozioökonomischen Status abhängt, beziehungsweise vom Viertel in dem man wohnt?

Vom Lohn hängt ab, was man sich leisten kann. Das betrifft die Ernährung, aber auch Sportangebote, die Kosten verursachen. Es gibt einen enormen Informationsbedarf darüber, was gesund ist und was nicht, was man zu sich nehmen sollte und was nicht. Neben Gratis-Informationen zur Ernährung braucht es viel mehr kostenfreie Sportangebote, nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Frauen beziehungsweise Frauengruppen, ohne männliche Beteiligung. Genauso wie für ältere Männer, beziehungsweise Männergruppen. Man darf das aber nicht nur anbieten, sondern muss es auch niedrigschwellig an die Menschen herantragen.

Haben Sie ein Beispiel für ein gelungenes Angebot?

In Gröpelingen gab es einen Fahrradkurs für eingewanderte Frauen, die schon länger vor Ort sind, aber noch nicht Fahrradfahren können. Es wurde zwar pandemiebedingt erstmal eingestellt, aber es war ein tolles Projekt. Es klingt banal, aber Fahrradfahren ist erstmal super gesund und gleichzeitig ja auch eine Art Empowerment-Moment, ein Ermächtigungsgefühl. In diesem Fall einfach dadurch, dass sie sich auf ein Fahrrad schwingen und überall hinfahren können, wo sie hin wollen. Sie sind unabhängig. Das sind Mikroprojekte, die etwas bewirken.

Die Bremer Landesregierung hat das Projekt Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren gestartet, in dem Sie seit März arbeiten. Wie kam es dazu?

Die Landesregierung hat erkannt, dass in bestimmten Stadtteilen Bremens, in Gröpelingen, wo ich jetzt bin, aber auch andernorts, zum Beispiel im Bremer Norden, zeitweise zumindest die Inzidenzwerte deutlich höher waren, als in anderen Stadtteilen.

Woran liegt das?

Ein Problem war, dass sich viele Menschen nicht an die AHA-Maßnahmen halten konnten, insbesondere was Abstand halten angeht. Das liegt nicht an der Einstellung der Menschen. Die Menschen nehmen mehrheitlich, so wie auch in anderen Stadtteilen, das Thema Corona ernst und wollen sich auch daran halten. Das wird oft falsch dargestellt. Die Leute in den Vierteln arbeiten meistens in relativ beengten Verhältnissen. Aufgrund dieser Situation kam es dann zu den erhöhten Corona-Inzidenzen in den Stadtteilen.

Dem begegnen Sie nun?

Ja, die Menschen brauchen vor allem niedrigschwellige Informationen und Menschen, die auf sie zugehen, weil sie nicht wissen, welche Informationen es wo gibt. Deshalb wurden pro Stadtteil zwei Gesundheitsfachkräfte eingesetzt. Ich habe auch noch eine Kollegin. Wir arbeiten mit den vorhandenen Netzwerkstrukturen zusammen. Das sind städtische Einrichtungen, Beratungsvereine oder Ärzt*innen. Und wir bieten selber noch Beratungen an. Ziel ist es, die Menschen dort niedrigschwellig zu erreichen. Dafür erstellen wir Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen und arbeiten mit Dolmetscher*innen oder Streetworker*innen zusammen, die die jeweilige Sprache können.

Inwiefern verringert Ihre Arbeit die gesundheitliche Ungleichheit in Bremen?

Da gibt es zwei wesentliche Aspekte. Zunächst versuchen wir den Menschen mehr Kompetenz zu geben, mit der Situation umzugehen. Schwerpunkt ist gerade Corona: Impfungen, Selbsttest, Schnelltests und Quarantäne-Informationen. Die Informationsbriefe hinsichtlich der Impftermine kamen beispielsweise alle auf Deutsch, zunächst von der Senatorin für Gesundheit und später dann von der AOK. Da gab es einige Personen, die die Briefe nicht verstanden haben. Die haben das dann teilweise beiseite gelegt. Dadurch, dass Hausärzt*innen jetzt impfen können, wird sich das deutlich bessern, weil die eine engere Bindung zu den Patient*innen vor Ort haben. In Gröpelingen gibt es viele Hausärzt*innen oder auch spezialisierte Ärzt*innen, die türkisch- oder arabischsprachige Arzthelfer*innen haben. Sie wissen welche Patient*innen Schwierigkeiten bei der Kommunikation haben.

Was ist der zweite Aspekt?

Haben wir über Impfungen oder andere Themen aufgeklärt, können wir zu anderen Einrichtungen weitervermitteln. Viele Menschen kommen mit den Dokumenten von Behörden nicht klar. Wir können zuhören und die nächsten Termine vereinbaren. Durch die Hilfe mit sozialen Problemen und dem Jobcenter versuchen wir Stress zu reduzieren. Stress ist ein wichtiger Faktor, der die Gesundheit beeinträchtigt.

Aber auch darüber hinaus sind gesundheitliche Probleme und andere soziale Probleme, auch im Bildungsbereich der Kinder, eng miteinander verknüpft. Deswegen lernen wir viele Akteur*innen kennen, die in anderen Bereichen helfen, wie in der Jugendhilfe, in der psychosozialen Beratung oder in der Altenarbeit.

Was bedeutet die Arbeit mit langjährig aktiven Sozialarbeiter*innen und bestehenden Beratungsstellen für den Erfolg Ihrer Arbeit?

Ohne sie könnte ich als neue Kraft nicht arbeiten. Viele übersehen, dass gerade in Stadtteilen mit schwieriger Historie solche Strukturen über lange Zeit gewachsen sind, aus ökonomischen, sozialen und politischen Ursachen heraus. Die Strukturen bestehen jedoch schon seit Jahrzehnten, teilweise seit den 60er beziehungsweise 70er Jahren. Die Menschen, die dort als Sozialarbeiter*innen aktiv sind, sind sehr tief verwurzelt. Sie kennen die Eltern, die Kinder, kennen die Nationalitäten. Oft haben sie selbst mehrsprachige Mitarbeiter*innen und besitzen Expertise in dem jeweiligen Metier, in dem sie fachlich beraten.

Wie arbeiten Sie konkret zusammen?

Aktuell während Corona haben wir zum Beispiel mit einer Sozialakteurin aus dem arabischsprachigen Raum zusammengearbeitet. Sie ist gut vernetzt und hat mit den Anwohner*innen eine WhatsApp-Gruppe. Als sie sich impfen ließ, ist meine Kollegin mit zum Arzt gegangen. Wir haben das fotografiert, mit dem Arzt abgesprochen, und in die WhatsApp-Gruppe gestellt. Alle in der Gruppe konnten sehen: Unsere Bindungs- und Vertrauensperson lässt sich beim örtlichen Arzt impfen, hat keinerlei Sorgen und ist froh darüber. Das schafft positive Vorbilder.

Wieso hat sich in den genannten Vierteln jahrzehntelang wenig an der prekären Lage der Menschen verändert?

Es wurde einiges getan in Stadtteilen wie in Gröpelingen. Aber es ist immer noch nicht ausreichend. Das ist natürlich vor allem Aufgabe der Politik. Es brauchte viel mehr Streetworker*innen. Die können direkt vor Ort Bindung und Vertrauen zu den Jugendlichen und Erwachsenen aufbauen. Aber auch Sprachmittler*innen und konkrete Gesundheitskonzepte in den Vierteln.

Wie könnte so ein Konzept aussehen?

In Gröpelingen sollte beispielsweise ein integriertes Gesundheitskonzept aufgebaut werden, mit medizinischer Beratung und Sozialberatung in einem Haus. Das wurde aber wegen der Pandemie erstmal auf Eis gelegt. Durch so ein Haus müssten die Menschen nicht gleich drei Kilometer weit fahren, wenn sie von der einen zur anderen Beratung wollen. Das stellt eine gewisse Hürde dar, vor allem beispielsweise bei einer alleinstehenden Frau mit Kindern. In dem Haus könnten die Menschen einfach eine Etage höher gehen und dort bezüglich Arbeitslosenhilfe oder Kindergeld beraten werden. Aber am Ende bleibt es ein sehr komplexes Thema. Vielen Dank für Ihre Zeit.

Das Interview wurde im April 2021 geführt.

Schlagworte:

Lassen Sie uns gemeinsam den gesundheitlichen Auswir­kungen von Ungleichheit auf den Grund gehen.