“Wie können wir die Politik zu Health in All Policies bewegen?”
Unser Wohlbefinden ist von mehr abhängig, als der Gesundheitspolitik. Die “Health in All Policies”-Strategie nimmt Politiker*innen aller Politikbereiche ins Visier – und scheitert oftmals vor der Umsetzung. Was tun?
Takeaways
Darum geht es in dieser Ausgabe
- Frage des Monats:“Wie können wir die Politik zu Health in All Policies bewegen?”
- Medientipps: Diesmal mit Drachenbooten, einer Geschichtsstunde und Toiletten für alle
Hallo!
Immer wieder fragen uns Leser*innen, wie wir auf Themen für Upstream stoßen. Neben unseren eigenen Ideen und Recherchen könnt ihr uns über unsere Website Fragen schicken, die euch beschäftigen. Eure Nachrichten zeigen uns, welche Themen euch umtreiben und warum.
Diesen Sommer hat Kerstin uns die Frage geschickt: “Wie können wir die Politik zu Health in All Policies bewegen?” Das fand ich spannend. Denn auch wenn die Bundesregierung sich unter dem angekündigten “Herbst der Reformen” etwas Anderes vorstellt: Was wäre, wenn der sogenannte Herbst der Reformen ein Herbst wäre, der das Wohlbefinden aller voranstellen würde? Also habe ich angefangen zu recherchieren. Das Ergebnis findest du in diesem Newsletter.
Viel Spaß beim Lesen! Ich verabschiede mich in den “Herbst der Reformen” mit dem Soundtrack The Kids Still Ate des britischen Künstlers Baby Panna.
Dein
Sören
Frage des Monats
“Wie können wir die Politik zu Health in All Policies bewegen?”
Kannst du dir eine Wohnung leisten, ohne Schimmel in den Wänden? Arbeiten, ohne dass du davon krank wirst? Ob es uns gut geht, entscheidet nicht Nina Warken (CDU) im Bundesgesundheitsministerium. Viele Faktoren und politische Ressorts jenseits der Gesundheitspolitik beeinflussen unsere Gesundheit – mal mehr, mal weniger offensichtlich.
Modelle politischer, kommerzieller und sozialer Determinanten machen diese Einflüsse auf die Gesundheit sichtbar. Grundlage ist der Gesundheitsbegriff der Weltgesundheitsorganisation: Sie betrachtet Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit, sondern als Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens.
Der Ansatz “Health in All Policies”, auf Deutsch “Gesundheit in allen Politikbereichen”, versteht Gesundheit als Menschenrecht. In den 2000ern formuliert, denkt er mit, dass Gesundheit in allen Bereichen des Lebens und damit auch der Politik entsteht. Daraus folgend sind auch andere Politikressorts als das Gesundheitsressort dafür verantwortlich, mit ihren Gesetzen die Gesundheit zu verbessern. Der Ansatz sieht vor, in interdisziplinären Teams daran zu arbeiten.
Was hindert Politiker*innen, Gesundheit in allen Politikbereichen umzusetzen?
Was hindert Politiker*innen in unterschiedlichen Ressorts, Gesundheit in den Fokus zu rücken? Für Großbritannien zeigt ein Evidenzbericht des Health Equity Evidence Centers aus 2024 Hürden bei der Umsetzung von Gesundheit in allen Politikbereichen:
- Es würden zu wenig Ressourcen bereitgestellt und die Kapazitäten seien beschränkt.
- Das Abschätzen von Gesundheitsfolgen basiere auf Freiwilligkeit.
- Politikressorts jenseits des Gesundheitsressorts würden Gesundheitsthemen zu wenig in ihren eigenen Folgenabschätzungen berücksichtigen.
- Es herrsche Unklarheit darüber, welche Kompetenzen notwendig sind, um Gesundheitsfolgen abzuschätzen.
- Gesundheitsfolgen abzuschätzen werde als zusätzlich belastend empfunden.
- Es gebe einen Mangel an Studien, die belastbar zeigten, dass es effektiv sei, Gesundheitsfolgen abzuschätzen.
In Finnland wurde zwischen 2001 und 2015 mit der Nationalen Strategie Health 2015 versucht, Health in All Policies im großen Stil umzusetzen. Zwei finnische Forscherinnen haben untersucht, warum das nicht so erfolgreich war, wie erwartet. Dafür haben sie zehn Interviews und fünf Berichte ausgewertet. Ihr Fazit: Um den Health in All Policies Ansatz erfolgreich umzusetzen, habe es an einer Persönlichkeit gefehlt, die persönliches Interesse an dem Ansatz gezeigt und andere Entscheider*innen davon überzeugt hat. Zudem erklären die Forscherinnen den Misserfolg mit “institutionellem Vergessen”:
- In den 2000ern habe ein Wechsel hin zur projektbasierten Umsetzung stattgefunden, der kurzfristige Planungs- und Finanzierungshorizonte mit sich brachte.
- Durch eine Reform der Gemeindefinanzierung konnte die finnische Regierung die Politik nicht mehr mit Finanzen lenken, sondern vor allem mit Informationen. Das musste sie erst lernen.
- Ein Generationswechsel bei den Beamten des finnischen Gesundheitsministeriums habe zwar frische Talente in Führungspositionen gebracht. Ihnen habe aber die Erfahrung der Vorgänger*innen und vor allem langjährige Beziehungen zu anderen Ministerien und Steuergruppen gefehlt.
Ein Tool: Gesundheitsfolgenabschätzung
Gesundheit in allen Politikbereichen zu verankern ist ein Ziel ohne definierten Weg. Forscher*innen und Praktiker*innen haben sich daher überlegt, wie sich Gesundheit in anderen Politikbereichen stärken und gesundheitliche Ungleichheit verringern lassen. Ein Ergebnis: die sogenannte Gesundheitsfolgenabschätzung. Sie ist ein Tool, das oft als Umsetzung der “Health in All Policies” Strategie verstanden wird.
Wie Gesundheitsfolgenabschätzung benutzt wird, um Health in All Policies für eine gerechtere Gesundheit umzusetzen, hat sich Susan Elizabeth Green in ihrer Doktorarbeit am Beispiel von Wales angeschaut. Das besondere an Wales: Mit dem Wellbeing of Future Generations Act 2015 hat Wales eine Gesetzgebung, die verschiedene öffentliche Institutionen dazu verpflichtet, das nachhaltige Wohlergehen aller zu sichern.
Health For All Policies – eine Alternative?
Gesundheitsfolgen von politischen Entscheidungen zu bedenken erscheint sinnvoll – zumindest, wenn Gesundheit Priorität hat. Dass das nicht automatisch für Politiker*innen aller Ressorts gilt, ist der Startpunkt der Weiterentwicklung von Health in all Policies.
Im Juli 2022 schlug ein Autor*innenteam im Lancet vor , “Health in all Policies” zu “Health for All Policies“ weiterzuentwickeln. Das weiterentwickelte Konzept betont “Co-Benefits” , zu Deutsch etwa “Kollateralnutzen” , die Entscheidungen des Gesundheitssektors für andere Politikbereiche haben können. Dabei unterscheidet der Ansatz zwischen direktem und indirektem Kollateralnutzen.
- Beim direkten Kollateralnutzen werden durch gesundheitspolitische Maßnahmen das Wohlbefinden und die Gesundheitsgerechtigkeit in der Bevölkerung gesteigert. Damit werden gleichzeitig Ziele außerhalb des unmittelbaren Gesundheitssektors erreicht. Beispielsweise könnten sozial benachteiligte Kinder einen besseren Bildungsabschluss erreichen, Angestellte ihre Produktivität steigern oder mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern hergestellt werden.
- Beim indirekten Kollateralnutzen wird sich der Gesundheitssektor seiner Rolle als großer Arbeitgeber und kritischer Infrastruktur bewusst. Beispielsweise bei Entscheidungen über Einkaufsprozesse, Arbeitsbedingungen oder Patient*innenessen kann der Gesundheitssektor diese nachhaltiger oder fairer gestalten, um etwa geschlechtsabhängige Gehaltslücken zu reduzieren oder negative Klimafolgen zu verringern.
Welche Priorität hat Prävention?
Zuletzt schien es, als steige die politische Bedeutung von Prävention. Der Expertenrat Gesundheit und Resilienz der Bundesregierung forderte 2024 in zwei Stellungnahmen, mehr Fokus darauf. Die Gesundheitsministerin Thüringens und Vorsitzende der diesjährigen Gesundheitsministerkonferenz, Katharina Schenk (SPD), forderte, Gesetzesvorhaben verpflichtend auf deren gesundheitlichen Folgen zu prüfen. Gibt es also aktuell einen Präventionsschub? Der in erster Lesung behandelte Haushaltsetat der Bundesregierung aus Union und SPD spricht eher eine andere Sprache. Für das Jahr 2026 sollen beim Kapitel Prävention und Gesundheitsverbände die Mittel um rund 238 Millionen Euro gekürzt werden.
→ Was denkst du, wie lässt sich die Politik stärker dazu bewegen, Gesundheit in allen Politikbereichen mitzudenken? Oder ist das die falsche Frage? Welche Erfahrung hast du bereits mit Health in All Policies gemacht? Schreib uns deine Meinung per Mail.
Medientipps
Was du außerdem wissen solltest
Wir würden euch gerne in unsere Medientipps einbinden. Darum könnt ihr uns ab sofort über unsere Website Links empfehlen. Hast du diese Woche schon einen Text gelesen, in dem du etwas Neues gelernt hast oder einen Podcast gehört, der die soziale Frage der Gesundheit gestreift hat? Teil es gerne mit uns – und mit der Community!
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Big Beautiful Bill: “Menschen sterben an Krankheiten, die vollkommen behandelbar wären”
04.08.2025, Jona Spreter/Die Zeit, 10 Minuten, €
In den USA können durch die Big Beautiful Bill mutmaßlich Millionen US-Bürger ihre Krankenversicherung verlieren. Die Demokraten versuchen im Rahmen der Verhandlungen des seit gestern laufenden Shutdowns eine Rücknahme der jüngsten Kürzungen zu erreichen. Im Interview mit Jona Spreter warnt die Ärztin Rachel Pearson, dass sonst darunter vor allem eine Gruppe leiden wird: Kinder.
“Deutschland muss mehr Prävention wagen”
03.09.2025, Daniel Dettling/taz, 5 Minuten
Deutschland hat eines der teuersten Gesundheitssysteme – doch die Ergebnisse bleiben hinter denen anderer Länder zurück. Die eigentlich steigende Lebenserwartung ist zuletzt leicht gesunken. Vor allem aber haben Menschen hier im Alter weniger gesunde Lebensjahre. Ein Hauptgrund dafür sei fehlende Prävention, sagt Zukunftsforscher Daniel Dettling.
Härteres Arbeiten im Klimawandel
04.09.2025, Jörg Staude/klimareporter, 7 Minuten
Kümmert sich dein Arbeitgeber um die Folgen des Klimawandels? Zunehmende Hitze und Extremwetter beeinflussen die Arbeit. Für den Gesundheitsreport 2025 hat die Techniker Krankenkasse Beschäftigte und Arbeitgeber befragt, wie sich der Klimawandel auf die Gesundheit der Beschäftigten auswirkt und wie ernst die Unternehmen klimabedingte Belastungen nehmen. Jörg Staude mit einer Zusammenfassung für die Klimareporter.
Kinofilm: Pink Power
Chiara Kempers & Marianna Martens, 70 Minuten
Bei der internationalen Bewegung Pink Paddling schließen sich an Brustkrebs erkrankte Frauen in Drachenboot-Teams zusammen. Sie trainieren gemeinsam, stärken sich und gewinnen neue Lebensfreude. Im Dokumentarfilmdebut einer ehemaligen Upstream-Kommilitonin werden die friesischen Küsten Pinkies auf ihrem Weg zur Europameisterschaft in Italien begleitet. Seit Ende September läuft die Kinotour durch Deutschland.
Öffentliche Toiletten: Zu hohe Barrieren, um sie zu nutzen
27.08.2025, Katrin Funke, Michael Dulig/MDR (Instagram), 1 Minute
”Wenn ich im Restaurant sitze, bestellen wir meistens ohne Getränk”, sagt Kati Stephan. Wie ihr geht es vielen anderen Rollstuhlfahrer*innen, die in der Stadt keine öffentliche Toilette finden: zu wenig Platz, keine Hilfsmittel – und im Endeffekt schlicht keine Möglichkeit, eine Toilette zu nutzen. Das Projekt “Toilette für Alle” soll helfen.
Rassismus bei der Polizei – hat das Tradition?
08.09.2025, Celia Parbey & Liv Thamsen/Y-Kollektiv, 34 Minuten
Hat struktureller Rassismus bei der deutschen Polizei Tradition? Celia Parbey trifft Betroffene von Racial Profiling, Aktivist*innen, einen Historiker und Polizist*innen und blickt zurück: vom Kaiserreich über NS-Zeit und DDR bis heute. Dabei zeigt sich: Rassismus bei der Polizei hat tiefe Wurzeln. Doch können die aktuellen Reformen daran wirklich etwas ändern?
Schrott im Körper
29.08.2025, Katrin Langhans/Spiegel, 13 Minuten, €
Lea ist eine von Hunderten Betroffenen, die mit einer Kupferspirale verhüten wollten – und ein fehlerhaftes Produkt des Herstellers Eurogine eingesetzt bekommen haben. Viele von ihnen benötigten eine Operation, um abgebrochene Teile aus dem Körper zu entfernen; einige wurden schwanger. Ein erster Fall wurde schon neun Jahre vor Leas registriert. Die Probleme liegen nicht nur beim Hersteller.
Seltener Fall im Krankenhaus: Gutes Essen
25.08.2025, Mona Trebing/ZDF, 3 Minuten
Über Krankenhausessen gibt es meist viel Schlechtes zu sagen: zu kleine Portionen, zu wenig Nährstoffe Patient*innen, die darunter leiden – und im schlimmsten Fall ein höheres Risiko haben, zu sterben. Ein Krankenhaus in Thüringen macht es anders. Hier arbeiten Ärzt*innen, Pflege*rinnen und Diätassistent*innen zusammen, um Patient*innen gute Ernährung zu bieten. Das schmeckt nicht nur, sondern kann auch das Gesundheitssystem enorm entlasten.
Hinweis
Im folgenden Medientipp geht es um Suizid. Wenn du das nicht lesen möchtest, kannst du den Newsletter hier beenden.
Was bedeutet der Abwärtstrend bei Suizidraten?
19.08.2025, Marie Zahout/Tagesspiegel, 8 Minuten
Die Nachricht klingt super: Weltweit sind die Suizidraten gesunken. Allerdings sind die Daten ungenau: Nicht überall werden Suizide exakt erfasst. Auch Suizidversuche sind nicht Teil der Statistik. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Zahlen trotz des Trends hoch seien, warnen Forscher*innen – und kritisieren, dass viele Ursachen zu wenig bekämpft werden, etwa soziale Ungleichheit oder Schwierigkeiten, Hilfe zu finden.
Anhang
Transparenz
Quellen
- Cairney, P., St Denny, E., & Mitchell, H. (2021). The future of public health policymaking after COVID-19: a qualitative systematic review of lessons from Health in All Policies. Open Research Europe, 1, 23. https://doi.org/10.12688/openreseurope.13178.2
- Green, S. E. (2023). Health Impact Assessment (HIA) as a tool to mobilise ‘Health in All Policies’. [Doktorarbeit, Maastricht University]. https://doi.org/10.26481/dis.20230906sg
- Greer, S. L., Falkenbach, M., Siciliani, L., McKee, M., Wismar, M., & Figueras, J. (2022). From Health in All Policies to Health for All Policies. The Lancet Public Health, 7(8), e718–e720. https://doi.org/10.1016/s2468-2667(22)00155-4
- Greer, S. L., Falkenbach, M., Figueras, J., & Wismar, M. (Hrsg.). (2024). Health for All Policies. Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781009467766
- Lynch, H., Holdroyd, I., Black, D., Cave, B., Harris-Roxas, B., Haigh, F., O’Mullane, M., Stevenson, A., Vohra, S., Ford, J. (2024) Making Health in All Policies a reality: A call for Health Impact Assessments across government to improve health and address health inequalities. Health Equity Evidence Centre; 2024.
- Tikkanen, M., & Kokkinen, L. (2024). Political Leadership, Institutional Memory and the Implementation of Health in All Policies: An Explanatory Case Study of the Health 2015 Public Health Programme in Finland. Journal of Health Management. https://doi.org/10.1177/09720634241298086