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Privilegien werden offener diskutiert

sagt Solveig Lena Hansen

In Public Health wurde und wird viel über soziale Ungleichheiten und deren Auswirkungen auf sogenannte „vulnerable Gruppen“ gesprochen. Ausgehend von alltäglichen und wissenschaftlichen Beobachtungen stelle ich die Prognose auf, dass 2026 ein Thema an Gewicht gewinnt, das in Gesundheitsdiskursen bisher zu selten ausgesprochen wird: die Bedeutung von Privilegien für gesundheitliche Ungleichheit.

Je sichtbarer wird, wie stark gesellschaftliche Vorzüge und ungleiche Ausgangslagen Gesundheit prägen, desto unvermeidlicher wird die Auseinandersetzung damit.

Soziale Vorteile wie finanzielle Sicherheit, Frieden, Meinungsfreiheit, Bildung oder ein Leben frei(er) von Diskriminierung sind keine individuellen Erfolge. Sie sind strukturelle Voraussetzungen, die bestimmen, wer Zugang zu Gesundheitsversorgung hat, wer sich Prävention leisten kann und wer chronischem Stress ausgesetzt ist. 

Ich erwarte deshalb eine Verschiebung im Blickwinkel: weg von der bequemen Vorstellung, dass Ungleichheit vor allem „irgendwo da draußen“ entsteht, hin zu der Erkenntnis, dass auch diejenigen Verantwortung tragen, die von stabileren Lebenslagen profitieren. Das betrifft nicht nur politische Entscheidungsträger, sondern auch Menschen in Bildungs- und Gesundheitsberufen, die täglich mit anderen Menschen arbeiten und durch Haltung und Sprache reproduzieren oder verändern, was als „normal“ gilt.

Bewusstsein über Privilegien bedeutet keine Schuldzuweisung, sondern Handlungsspielraum: Ressourcen teilen, politische Maßnahmen unterstützen, die strukturelle Benachteiligungen verringern, und weniger privilegierte Menschen konsequent einbeziehen. Es heißt, den eigenen Vorteil nicht als persönliche Leistung zu verstehen, sondern als Verpflichtung, Ungleichheit nicht weiterzugeben.

Meine Prognose: Privilegien werden kein Tabu mehr sein, sondern ein zunehmend diskutierter Faktor für gerechte Gesundheit. Ob dieses Bewusstsein tatsächlich wächst, zeigt sich daran, wer die Verantwortung im Alltag wahrnimmt und authentisch lebt.

Wir haben kluge und engagierte Köpfe aus Politik, Medien, Forschung und Praxis gefragt, welche Entwicklungen sie im kommenden Jahr für faire Gesundheit erwarten. Hier sind ihre Vorhersagen für 2026:

Alle Vorhersagen

Raus aus dem Reparaturbetrieb: Heranwachsende im Blick

Marion Amler

Sozialleistungen entscheiden über einen gerechten Zugang zu gesundem Essen

Marike Andreas

Weil Gesundheit auch Haltung bedeuten muss

Samson Grzybek

Die Axt am Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung

Ates Gürpinar

Privilegien werden offener diskutiert

Solveig Lena Hansen

Wer arm ist, arbeitet länger – und riskiert dabei oft seine Gesundheit

Hans Martin Hasselhorn

Gerechte Gesundheit entsteht nur durch communitybasierte Koproduktion

Lisa Kamphaus

Wer jetzt falsch baut, zementiert Ungerechtigkeit

Susanne Möbus

Gaza wird im Schatten des “Friedens” physiologisch ausgelöscht

Anonyme Person

Make Gesundheits­förderung Great Again

Friedrich Schorb

Mutterschutz nach Fehlgeburten: verbesserter Schutz mit Lücken

Madeleine Sittner

Demokratie schützen für mehr gesundheitliche Gerechtigkeit

Dagmar Starke

Respekt ist Voraussetzung für faire Gesundheit

Bettina Enzenhofer, Lucia Mair und Brigitte Theißl

Deutschland kann nur durch Empathie heilen

Mertcan Usluer

Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung werden gefestigt

Heinz-Jürgen Voß