Raus aus dem Reparaturbetrieb: Heranwachsende im Blick
sagt Marion Amler
Der kürzlich veröffentlichte World report on social determinants of health equity der WHO ist eindeutig: Gesundheit entsteht nicht im Wartezimmer einer Arztpraxis, sondern in Wohnungen, Kitas, Betrieben und Sozialämtern. Bildung, Einkommen, Wohnsituation und Erwerbsarbeit erklären mehr gesundheitliche Ungleichheit als jede genetische Disposition. Das größte Gesundheitsrisiko ist und bleibt: Armut.
Doch während der Bericht präzise beschreibt, wie soziale Investitionen Leben verlängern und Kosten sparen, zementiert der aktuelle finanzpolitische Kurs das Gegenteil. Der jüngste bundespolitische Haushalt setzt weiter auf Kriegstüchtigkeit und Kostendämpfung im System, nicht auf Umverteilung zugunsten der sozialen Ursachen von Krankheit. Prävention bleibt projektförmig, strukturelle Armutsbekämpfung unterfinanziert.
Auch die überarbeitete Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung betont zwar die sozialen Dimensionen von Gesundheit – doch zwischen Wunsch und Realität klafft eine Lücke, die sich durch aktuelle Krisen eher vergrößert. Solange Ressortgrenzen wichtiger sind als Gesundheitsfolgenabschätzung und jede Investition in Gesundheit zuerst als Ausgabe gilt, bleibt die soziale Wende in der Gesundheitspolitik eine rein rhetorische Übung. Apropos Ausgaben: Gerade einmal knapp fünf Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben entfallen in Deutschland auf Prävention.
Mein Wunsch: Ein mutiger, positiver Blick in die Zukunft – einer, der weiter reicht als vier Jahre bis zur nächsten Wahl. Jede politische Entscheidung verbindlich daraufhin prüfen, welche Gesundheits- und Klimafolgen sie hat und wie sie Kinder und Jugendliche mitdenkt. Im besten Fall gemeinsam mit ihnen! Und das Gesundheitssystem neu denken: nicht als Reparaturbetrieb, sondern als ein System, welches auf das gemeinschaftliche Wohlergehen und die Verbesserung von Lebenschancen abzielt.