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Sozialleistungen entscheiden über einen gerechten Zugang zu gesundem Essen

sagt Marike Andreas

Wenn Deutschland das im Grundgesetz verankerte Sozialstaatsprinzip ernst nimmt, müssen die Sozialleitungen hoch und zugänglich genug sein, damit sich alle Menschen in Deutschland eine gesunde Ernährung leisten können. Denn ungesunde Ernährung ist der Hauptverursacher von Erkrankungen und frühzeitigen Todesfällen. 

Wie gesund jemand isst, hängt weniger von individuellen Essgewohnheiten ab als von den sogenannten Lebensmittelumgebungen (food environments). Lebensmittelumgebungen bezeichnen soziale, ökonomische und politische Faktoren, die beeinflussen, wie einfach verfügbar und zugänglich gesundes Essen ist.  

Ein Hauptfaktor für die Zugänglichkeit von gesundem Essen ist der Lebensmittelpreis. Und dieser stieg in den letzten Jahren stetig, getrieben von Inflation, Energiekrise und Klimawandel. Ungefähr ein Drittel mehr zahlen Konsumenten heute für Lebensmittel im Vergleich zu den Jahren vor der Covid-19-Pandemie. Was jedoch nicht steigt, sind die Sozialleistungen für benachteiligte Menschen in Deutschland; mit der verschärften Rhetorik gegen Sozialhilfeempfänger*innen unter der CDU-SPD-Koalition wird es auch 2026 keine Erhöhungen der staatlichen Leistungen geben. Für Essen können somit rund 6€ pro Tag ausgegeben werden. 

Die ausgebliebenen Anpassungen der Sozialleistungen führen dazu, dass sich immer mehr Menschen immer weniger leisten können, gesunde Lebensmittel zu kaufen. Studien zeigen, dass eine gesunde Ernährung mit Sozialleistungen kaum zu bezahlen ist. Denn kalorienreiche, hochverarbeitete Lebensmittel sind im Schnitt günstiger als frisches Obst und Gemüse. Gleichzeitig ist dadurch die Gesundheit von ärmeren Personen besonders gefährdet, denn der Konsum von solchen ungesunden Lebensmitteln ist ein Verursacher von nicht-übertragbaren Erkrankungen wie Diabetes und Adipositas. So ist die Krankheitslast von Diabetes in der Gruppe mit dem geringsten sozioökonomischen Status doppelt so hoch wie in anderen Gruppen. Eine Ungleichheit, die politisch verursacht - und vermeidbar - ist.  

Die gesundheitliche Ungleichheit in Bezug auf nicht übertragbare Erkrankungen wird sich also weiter ausweiten, wenn die Regierung keine fairen Sozialleistungen einführt. Jede*r sollte Zugang zu gesundem Essen haben – die Politik entscheidet, ob das Realität wird.

Wir haben kluge und engagierte Köpfe aus Politik, Medien, Forschung und Praxis gefragt, welche Entwicklungen sie im kommenden Jahr für faire Gesundheit erwarten. Hier sind ihre Vorhersagen für 2026:

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