Wer arm ist, arbeitet länger – und riskiert dabei oft seine Gesundheit
Der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand verschärft die soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft weiter – auch gesundheitlich. Das wird auch 2026 gelten: Wer sich einen frühen Erwerbsausstieg nicht leisten kann, ist oft gezwungen, länger zu arbeiten. Viele bezahlen diese verlängerte Erwerbsphase mit ihrer Gesundheit.
Nach aktuellen Ergebnissen der lidA-Studie können sich 27 Prozent der älteren sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen vorzeitigen Ruhestand überhaupt nicht leisten. Gerade diese Gruppe weist zugleich die schlechtesten Arbeitsbedingungen, die geringste Arbeitsfähigkeit und den schlechtesten Gesundheitszustand auf.
Dennoch würde sie im Mittel gerne länger arbeiten als alle anderen Gruppen – auch länger als die 18 Prozent, die sich einen frühen Ausstieg problemlos leisten können (siehe Abbildung) und denen es in Arbeit und Leben allermeist gut geht. Hier steht hinter dem „Wollen“ ein faktisches „Müssen“. Zudem planen diese Beschäftigten, im Durchschnitt 1,5 Jahre später in Rente zu gehen als ihre gut finanziell abgesicherten Kolleginnen und Kollegen. Da das geplante Rentenalter dem realen nahe kommt, wird dieser späte Ausstieg häufig auch umgesetzt, oft unabhängig vom Gesundheitszustand.
Doch dafür bezahlen sie einen Preis. Internationale Forschung zeigt: Ein verlängertes Erwerbsleben erhöht insbesondere bei körperlich belastender Arbeit das gesundheitliche Risiko erheblich. In solchen Tätigkeiten arbeiten die meisten aus der genannten Gruppe von Beschäftigten. Ein solches Mehr an Risiko tragen die finanziell besser abgesicherten Gruppen nur selten.
Eine faire Rentenpolitik muss die erwerbslebenslange Arbeitstätigkeit aller Beschäftigten berücksichtigen. Denen, die besonders belastende Tätigkeiten ausführen, ermöglicht sie einen früheren Erwerbsausstieg in Würde, und dies möglichst noch bevor die Gesundheit ruiniert ist.
