Make Gesundheitsförderung Great Again
sagt Friedrich Schorb
Der Medizinhistoriker Henry Sigerist hat vor achtzig Jahren folgende Voraussetzungen zur Förderung von Gesundheit formuliert: ein angemessener Lebensstandard, gute Arbeitsbedingungen, Zugang zu Bildung, Zeit und Raum für Erholung und körperliche Aktivitäten.
Seitdem hat sich der Fokus der Gesundheitsförderung von der Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse auf das individuelle Verhalten verschoben. Nicht länger Arbeitsbedingungen, Armutsbekämpfung, Bildungschancen und humane Stadtgestaltung, sondern die individuelle Fähigkeit mit widrigen äußeren Bedingungen umzugehen, stehen seither im Mittelpunkt.
Mit Erfolg? Leider nein! Zwar sind Tabak- und Alkoholkonsum gesunken und gleichzeitig die Mitgliederzahlen in Fitness-, Yoga- und Wellnessstudios gestiegen. Food, Fitness- und Mental Health Influencer freuen sich über millionenfache Followerschaft und Umsätze. Zugleich aber stagniert die Lebenserwartung in immer mehr wohlhabenden Staaten und die Ausgaben im Gesundheitssektor steigen unvermindert an. Der vermeintliche Widerspruch lässt sich dadurch erklären, dass vom Gesundheitstrend vor allem diejenigen profitieren, die ohnehin schon privilegiert sind. Menschen in prekären Lebenslagen bleiben hingegen benachteiligt.
Im kommenden Jahr wird sich die Kostenkrise im Gesundheitswesen weiter verschärfen. Zu erwarten sind Forderungen nach Leistungskürzungen, höheren Eigenbeteiligungen und Karenztagen. Dazu kommen dürften Schuldzuweisungen an chronische Kranke und alle, deren Aussehen oder Verhalten nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht.
Auch Kürzungen im Sozialbereich sind für die nächsten zwölf Monaten bereits angekündigt. Die Bundesregierung will Totalsanktionen für Bürgergeldempfänger*innen einführen. Die Erfahrungen mit ähnlichen Reformen in Großbritannien haben gezeigt, dass von der Verweigerung staatlicher Leistungen einschließlich der Wohnungsmiete, vor allem Menschen mit psychischen Problemen betroffen sind. Nicht die Vermittlungszahlen, sondern Wohnlosigkeit und Suizide wurden dort durch diese Politik gefördert. Verhältnisse, die im kommenden Jahr auch in Deutschland drohen.
Wenn Akteure der Gesundheitsförderung diese und ähnliche Entwicklungen nicht thematisieren, machen sie sich bestenfalls überflüssig, schlimmstenfalls zu Erfüllungsgehilfen einer im Kern gesundheitsschädlichen Politik. Eine Gesundheitsförderung hingegen, die sich wieder traut, offensiv Macht- und Verteilungsfragen zu stellen, hat das Potential Großes zu leisten.