Gesundheitskompetenz: Warum wenig Wissen krank macht | Upstream
Unterstützen

Takeaways

Darum geht es in dieser Ausgabe

  • Grafik des Monats: Nur jede*r Vierte hat eine gute Gesundheitskompetenz.
  • Schlaglichter:Soziale Determinanten und Ungleichheit werden selten als Ursachen von Gesundheit und Krankheit gesehen.
  • Was du außerdem wissen solltest: Diesmal mit einer guten Nachricht aus Finnland, Männern mit Gebärmutter und der Gender-Gesundheitslücke.

Hallo!

Ob Einsätze beim Bergdoktor, sexy Retter*innen bei Baywatch oder einfallsreiche Diagnosen bei Dr. House: Was wir in Filmen und Serien sehen, entspricht kaum der Realität von Rettungsdienst, Arztpraxen und Krankenhäusern. Aber auch ohne rote Badeanzüge und Ärzt*innen mit scheinbar übersinnlichen Fähigkeiten ist ein großer Teil der Gesellschaft nicht korrekt über Gesundheit informiert. Was das bedeutet, liest du in dieser Ausgabe.

Herzliche Grüße

Maren

Grafik(en) des Monats

Die Gesundheitskompetenz in Deutschland hat abgenommen

Wie gut findest du Informationen zu gesundem Essen oder dazu, wie viel du dich bewegen solltest? Kannst du beurteilen, wie dein Wohnort deine Gesundheit beeinflusst? Wenn du medizinische Hilfe brauchst: Kannst du unterschiedliche Möglichkeiten der Behandlung beurteilen?

Das sind Fragen der Gesundheitskompetenz – und immer mehr Menschen geben an, dass ihnen all das schwer oder eher schwer fällt. Vor gut einem Jahr haben Wissenschaftler*innen rund 2.000 Menschen in Deutschland dazu befragt. Die Umfrage ist ihnen zufolge repräsentativ für Erwachsene, die das Internet nutzen. Das Ergebnis: Rund drei Viertel haben keine ausreichende Gesundheitskompetenz.

Die Grafik zeigt mit Hilfe von Emojis und Zahlen, wie Gesundheitskompetenz in Deutschland verteilt ist. Demnach ist sie bei 35,8 % inadäquat, bei 40 % problematisch, bei 16,6 % ausreichend und bei 7,6 % exzellent.

→ Wie Forscher*innen Gesundheitskompetenz messen, erfährst du in unserem Glossar.

Einen signifikanten Unterschied macht das Alter: Befragte über 60 haben bessere Gesundheitskompetenz als Befragte zwischen 18 und 29 Jahren. 30- bis 44-Jährige schnitten schlechter ab als Ältere. Außerdem stellten die Wissenschaftler*innen regionale Unterschiede fest: Befragte in ostdeutschen Bundesländern (ohne Berlin) hatten bessere Gesundheitskompetenz als in den anderen Ländern. Unterschiede durch Geschlecht, Einkommen oder Migrationshintergrund gab es nicht.

Bei der Erhebung handelt es sich zwar um eine Querschnittstudie, doch weil es zuvor bereits ähnliche Befragungen gab, stellen die Autor*innen einen weiteren Punkt heraus: Die Gesundheitskompetenz in Deutschland ist schlechter geworden.

Die Grafik zeigt mit Hilfe von Emojis und Zahlen, wie sich die Gesundheitskompetenz in Deutschland entwickelt hat. Demnach lag der Anteil von Menschen mit schlechter Gesundheitskompetenz 2014 bei 54,3 %, 2020 bei 64,2 % und 2024 bei 75,8 %.

Eine gute Gesundheitskompetenz befähigt Menschen laut Definition, Informationen rund um Gesundheit zu erkennen und zu bewerten, an den richtigen Stellen Hilfe zu suchen – zum Vorteil für sich und das Gesundheitssystem – und rund um Vorsorge und Behandlung aktiv an der eigenen Gesundheit mitzuwirken. Sprich: Ohne wird es schwierig. Die Forschenden schlagen deshalb vier Maßnahmen vor:

  • Gute und verständliche Informationen bereitstellen und verbreiten – und Falsch- und Desinformation beschränken,
  • bessere Kommunikation durch Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten,
  • Gesundheitseinrichtungen zugänglicher und navigierbarer gestalten,
  • Menschen befähigen, falsche Informationen zu erkennen und zu bewerten.

Schlaglichter

Soziale Determinanten werden unterschätzt

Auch da, wo Informationen rund um Gesundheit vorhanden sind, fehlt vielen Menschen das Wissen darüber, wie stark diese von unseren Lebensbedingungen abhängt. Drei Arbeiten zeigen dir, wie soziale Determinanten der Gesundheit unterschätzt werden – und wie sich das ändern könnte.

Überwiegende Sicht: Medizin ist wichtiger als Politik

Im Herbst 2020 hat ein internationales Forscher*innenteam Menschen aus acht Ländern befragt, welche Faktoren für gute Gesundheit wichtig sind. Auch Deutschland war darunter.

Den meisten Menschen war demnach Gesundheitsversorgung das Wichtigste, gefolgt von Bildung. Gebaute Umgebung lag insgesamt an dritter Stelle, landete in Deutschland aber auf einem der hinteren Plätze. Als wichtiger werteten die Befragten Genetik, Einkommen und Wohlstand, Kindheitserfahrungen und Arbeit. Weniger wichtig waren Kultur und Politik.

Die Befragung ist nicht repräsentativ – zeigt den Forschenden zufolge aber dennoch, dass ein Bild von Downstream-Wirkungsweisen vorherrscht: Nicht politische Entscheidungen beeinflussen aus Sicht der Befragten die Gesundheit, sondern die medizinische Versorgung.

15 Jahre – und keine Veränderung

Im US-amerikanischen Wisconsin wurden im Jahr 2007 Bürger*innen befragt, welche Faktoren die Gesundheit beeinflussen. Ganz vorne: Gesundheitsverhalten und -versicherung. Soziale Determinanten lagen auf den hinteren Plätzen. Wissenschaftler*innen erwarteten, dass 2023, gut 15 Jahre später und nach der Corona-Pandemie, das Ergebnis anders ausfallen könnte. Tat es aber nicht, zeigten die Ergebnisse der neuen Studie.

Allerdings war zu sehen, dass Menschen, die etwa durch Armut die Folgen der sozialen Determinanten spüren, diesen mehr Bedeutung beimessen. Auch Parteizugehörigkeit machte einen Unterschied: Demokrat*innen werteten einige soziale Determinanten höher als Republikaner*innen und Unabhängige – denen Religiosität und Spiritualität wichtiger waren.

Eine Zukunftsvision angesichts von Ungleichheit

In einem 2023 veröffentlichten Paper stellen drei US-amerikanische Wissenschaftler*innen dar, wie strukturelle Ungleichheit und struktureller Rassismus die sozialen Determinanten der Gesundheit beeinflussen und was sich ändern müsste.

Sie fordern Upstream-Ansätze, die dort beginnen, wo es gar nicht um Gesundheit geht: im Finanzsektor, der Umwelt, der Strafjustiz, bei der Bildung sowie auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Beispiele sind Löhne, mit denen Menschen überall ihre Grundbedürfnisse erfüllen können, Investitionen in Schulen oder universeller Zugang zum Gesundheitssystem. Letztlich gehe es darum, Armut und historisch entstandene Ungerechtigkeit zu bekämpfen – und Strukturen aufzubauen, die das Leben aller verbessern.

Ich finde diese Einblicke spannend. Schließlich können wir Wissen über Ungleichheit und Gesundheit haben, während sich nichts an den Verhältnissen ändert – sei es, weil die Erkenntnisse nicht aus der Wissenschaftsbubble herauskommen oder weil politische Entscheider*innen nicht entsprechend handeln. Wenn du Eindrücke oder eine interessante Arbeit teilen möchtest, schreib eine Mail an Upstream.

…und wenn du jetzt noch wissen willst, welche Krankenhaus-Serien realitätsnah sind: Das erfährst du in diesem Artikel der Apotheken-Umschau.

Medientipps

Was du außerdem wissen solltest

Armut ist überall sichtbar

28. Juli 2025, Tim Wiese/Deutschlandfunk Kultur, 40 Minuten

Thomas de Vachroi ist Deutschlands erster Armutsbeauftragter – und bislang der einzige. Er arbeitet im Auftrag der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, sammelt Spenden, ist in Berliner Wärmestuben unterwegs. Im Interview berichtet er von seinem Beruf, wie er dazu gekommen ist und weshalb Armut in einer Großstadt wie Berlin gar nicht mehr zu übersehen ist.

Ein Jahr ohne Verkehrstote

3. August 2025, Tagesschau, 3 Minuten

In Helsinki ist ein Jahr lang niemand im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Zum Vergleich: In Frankfurt am Main und Düsseldorf, die ähnlich viele Einwohner*innen haben, gab es im vergangenen Jahr 17, beziehungsweise neun Verkehrstote. Helsinkis Stadtverwaltung sieht für den Erfolg mehrere Gründe – vor allem aber den Ausbau von Tempo-30-Zonen.

Ein Mann, eine Gebärmutter

17. Juli 2025, Klara Behner, Anne Lathan, Jette Nörskau, Mira Schrems/taz, 7 Minuten

Von der Bezeichnung “Frauenarzt” über Unwissen und Unsensibilität bis hin zu Transfeindlichkeit: Für viele trans* Männer ist der Besuch bei Gynäkolog*innen schwer. Ihnen gegenüber stehen im besten Fall Mediziner*innen, die offen und motiviert sind, zu helfen – aber sich an vielen Stellen selbst darum kümmern müssen, die nötige Kompetenz dafür zu erlangen.

Gesundheit made by Kennedy

12. Juni, 8. und 14. Juli 2025, Christopher Weingart/Deutschlandfunk, 3 Teile à ca. 30 Minuten

“MAHA – Make America Healthy Again”, schreibt sich Robert F. Kennedy Jr. auf die Fahnen. Er ist seit einigen Monaten Gesundheitsminister der USA. In dieser Position sät er Desinformation, schlägt unwissenschaftliche Methoden vor, um Krankheiten zu behandeln und verantwortet letztlich die Gesundheitspolitik des gesamten Landes. Was das bedeutet, hörst du in diesem dreiteiligen Feature.

Gender Health Gap: Danke für nichts!

7. Juli 2025, Josefine Rein/taz, 4 Minuten

“Ich habe früh gelernt: Ärzt:innen helfen mir nicht” – und so wie taz-Autorin Josefine Rein geht es einer Umfrage zufolge fast neun von zehn jungen Frauen. Schmerzen werden nicht ernst genommen, Krankheiten nicht ordentlich diagnostiziert und viele Medikamente und Behandlungen sind nicht auf die Körper und Bedürfnisse von Frauen angepasst. Dieser Text macht wütend – und das zu Recht.

"Es vergeht kaum eine OP ohne affige Anspielungen auf Sex"

22.07.2025, Anant Agarwala, Hanna Grabbe und Hannah Scherkamp/Die Zeit, 15 Minuten

Über Machtgefüge im OP-Saal berichtete kürzlich die Zeit anhand der Neurochirurgin Kara Krajewski. Dass es sich dabei um keinen Einzelfall handelt, zeigen die Stimmen der Leser*innen, die sich daraufhin mit ihren Erfahrungen zu Macht und toxischen Arbeitsbedingungen an deutschen Kliniken meldeten. Fünf haben die Autor*innen protokolliert.

“Who gives a fuck if it brings you joy?”

17. Juni 2025, Chandler Plante/Popsugar, 5 Minuten (Englisch)

Wenn du nicht selbst einen an der Tasche hängen oder eine Sammlung im Regal stehen hast, hast du diesen Sommer sicherlich mindestens einmal die Augen über Labubus verdreht. Fans stehen mitunter stundenlang an, um viel Geld für die kleinen Plüschfiguren auszugeben. Aber: Genau dieses Fan-Sein, die Gemeinschaft und die Freude, die vor allem junge Frauen und Mädchen durch Labubus empfinden, kann auch ein Tool für mehr Wohlbefinden sein.

Community

Danke an die elf Upstream-Mitglieder! Ihr unterstützt uns mit 77 Euro im Monat. Unser Ziel: 556 Euro im Monat.

Danke an elf Upstream-Mitglieder!

Bei Upstream investieren wir, Maren und Sören, jeden Monat Zeit und Arbeit in Journalismus für faire Gesundheit. Dein Beitrag hilft uns, unsere Kosten nachhaltig zu decken und unsere Arbeit für Upstream weiter auszubauen. Jeden Cent, den wir mit Upstream verdienen, stecken wir wieder zurück, um besseren Journalismus für faire Gesundheit zu machen. Du hast eine Idee, was wir besser machen können oder mal ausprobieren sollten? Schick uns gerne eine E-Mail.

→ Hier kannst du uns finanziell unterstützen.

Transparenz

Rund um medizinische Themen sind Transparenz und Vertrauen wichtig. Darum haben wir in dieser Ausgabe alle Quellen direkt im Text verlinkt. Auf der Website findest du unser journalistisches Selbstverständnis festgehalten.

Quellen

  • Abdalla, S. M., Hernandez, M., Koya, S. F., Rosenberg, S. B., Robbins, G., Magana, L., Nsoesie, E. O., Sabin, L., Galea, S. (2022): What matters for health? Public views from eight countries: BMJ Global Health 2022;7:e008858. https://doi.org/10.1136/bmjgh-2022-008858
  • Egede, L. E., Walker, R. J., Williams, J. S. (2024): Addressing Structural Inequalities, Structural Racism, and Social Determinants of Health: a Vision for the Future. J GEN INTERN MED 39, 487–491 (2024). https://doi.org/10.1007/s11606-023-08426-7
  • Kolpatzik, K., Bollweg, T., Fretian, A., Okan, O. (2025): Gesundheitskompetenz in Deutschland 2024. Ergebnisbericht. Technische Universität München. School of Medicine and Health. Department of Health and Sport Sciences. WHO Collaborating Center for Health Literacy. München. https://doi.org/10.14459/2025md1772956
  • Robert, S. A., Liu, A. Y. (2025): Changes in public awareness of the social determinants of health over 15 years in Wisconsin, United States, Preventive Medicine Reports, Volume 50, 2025, 102965, ISSN 2211-3355. https://doi.org/10.1016/j.pmedr.2025.102965
  • Sørensen, K., Van den Broucke, S., Fullam, J. et al. (2012): Health literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health 12, 80 (2012). https://doi.org/10.1186/1471-2458-12-80