Gesundheit in 2026: Diese Themen bestimmen die Debatte
Gesundheit ist ungleich – könnte aber gerechter werden. Diese Erwartungen haben Expert*innen aus Forschung, Praxis, Politik und Medien für das Jahr 2026.
Takeaways
Darum geht's in dieser Ausgabe
- Jahresausblick: Von B wie Bürgergeld bis Z wie Zement. Das wird nächstes Jahr wichtig für die Debatten um faire Gesundheit.
- Medientipps: Diesmal mit schiefen Rechnungen, der Angst vor Brüsten und Engstellen in der Gesellschaft.
Hallo!
Ob vorerst besiegelter Rentenstreit oder weiter verschärfte Asylregeln: Die letzten Gesetze des Jahres werden im Bundestag beschlossen. Damit ist der “Monat der Besinnlichkeit” und Jahresrückblicke angebrochen.
Wir schauen mit dir in die Zukunft, was uns in 2026 für faire Gesundheit erwartet. Dafür haben wir dutzende Menschen aus Forschung, Praxis, Politik und Medien gefragt, welche Entwicklungen sie erwarten. Ihre Vorhersagen schwanken zwischen Optimismus und Sorge, mit Ideen von Beton bis Haltung. Du findest sie in dieser Ausgabe. Damit weißt du schon jetzt, welche Debatten dich im kommenden Jahr erwarten.
Viel Spaß beim Lesen!
Dein Sören
P.S.: Danke an Marion Amler, Marike Andreas, Samson Grzybek, Ates Gürpinar, Solveig Lena Hansen, Hans Martin Hasselhorn, Lisa Kamphaus, Susanne Möbus, Friedrich Schorb, Madeleine Sittner, Dagmar Starke, Bettina Enzenhofer, Lucia Mair, Brigitte Theißl, Mertcan Usluer, Heinz-Jürgen Voß und eine*n anonyme*n Autor*in für die klugen Gedanken. Ohne euch wäre dieser Ausblick nicht möglich gewesen.
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Jahresausblick
Was erwartet uns für faire Gesundheit in 2026?
Neues Jahr, neues Glück? Nicht nur für dich persönlich, auch gesundheits- und sozialpolitisch bringt 2026 neue Chancen. Ebenso gibt es Entwicklungen, die die Aussichten auf faire Gesundheit bedrohen. Auf Bleigießen verlassen wir uns darum nicht. Stattdessen haben wir Menschen aus Forschung, Gesellschaft, Politik und Medien gefragt, was sich im Hinblick auf eine fairere Gesundheit im kommenden Jahr verändern wird – oder sollte. Siebzehn haben uns ihre persönliche Prognose geschickt:
Zum Beispiel ist da Madeleine Sittner, Co-Gründerin und Host des Podcasts Heile Welt. Sie sieht in den seit Juni 2025 neu gestaffelten Regeln zum Mutterschutz nach sogenannten Fehlgeburten einen entscheidenden Schritt hin zu mehr gesundheitlicher Gerechtigkeit. Wären da nicht vier Millionen Minijobberinnen und etwa 1,2 Millionen Selbstständige vergessen worden, die laut Gesetz nach einer Fehl- oder Totgeburt direkt weiterarbeiten müssten. Eine Lücke, die es zu reformieren gilt, sagt Sittner.
→ MADELEINE SITTNER, Mutterschutz nach Fehlgeburten: verbesserter Schutz mit Lücken
Deutschland ist krank. Um zu heilen helfe Empathie, ist sich Mertcan Usluer sicher. Usluer klärt unter anderem auf Instagram als @gynaekollege über intersektionale Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung auf. Armut, Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft seien auch auf einen strukturellen Mangel an Empathie zurückzuführen. Sie als Systemkompetenz zu stärken, sagt Usluer, sei ein wichtiger Schritt zu einem solidarischen Gesundheitssystem.
→ MERCAN USLUER, Deutschland kann nur durch Empathie heilen
Wer bestimmt über den Beton?
Das 500-Milliarden-Sondervermögen des Bundes stelle eine historische Chance dar, schreibt Susanne Möbus in ihrer Vorhersage für das kommende Jahr. Sie leitet das Institut für Urban Public Health in Essen. Sie sagt aber auch: “Wenn Geld wieder in Asphalt für Autostraßen fließt, zementieren wir nicht nur Beton, sondern Ungleichheit – für Generationen.” Wem wir als Gesellschaft Raum zugestehen und wem nicht, bestimme darüber, wie fair wir unsere Gesellschaft gestalten.
→ SUSANNE MÖBUS, Wer jetzt falsch baut, zementiert Ungerechtigkeit
Lisa Kamphaus findet, Deutschland sollte nicht nur Ressourcen besser verteilen, sondern die Machtverhältnisse neu ordnen, die bestimmen, wer Gesundheit gestalten kann. Als Koordinatorin des Projekts „Gesundheit in der nachhaltigen Stadt“ in Münster sieht sie klassische Strategien der gesundheitlichen Chancengleichheit und Beteiligung an ihren Grenzen. Sie erreichten vor allem die Menschen, die bereits über Zeit, Wissen und Handlungsspielräumen verfügen. Eine Alternative böten koproduktive Gemeinschaftsstrukturen, bei denen Menschen, die eine Gesundheitsmaßnahme erreichen soll, aktiv und gleichberechtigt daran mitarbeiten.
→ LISA KAMPHAUS, Gerechte Gesundheit entsteht nur durch communitybasierte Koproduktion
Wie verteilen wir Lasten?
Der Sprecher für Gesundheitsökonomie und Public Health der Linksfraktion im Bundestag, Ates Gürpinar, sieht das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung in Gefahr. Unter dem Schlagwort “Eigenverantwortung” werde die Bundesregierung immer stärker versuchen, Kürzungen und Mehrbelastungen für Patient*innen umzusetzen.
→ ATES GÜRPINAR, Die Axt am Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung
Schon jetzt zeige sich, dass Sozialleistungen in Deutschland zu gering und zu wenig zugänglich genug, damit sich alle Menschen gesund ernähren könnten, schreibt Marike Andreas. Sie forscht am Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Die gegenwärtige Politik der schwarz-roten Koalition klammere soziale, ökonomische und politische Faktoren gesunder Ernährung weitestgehend aus. Daher sei im Jahr 2026 zu erwarten, dass die Krankheitslast nicht-übertragbarer Krankheiten wie Diabetes oder Adipositas immer ungleicher verteilt ist.
→ MARIKE ANDREAS, Sozialleistungen entscheiden über einen gerechten Zugang zu gesundem Essen
Eine weitere Ungleichheit, die sich auch auf die Gesundheit auswirkt, zeige sich beim Übergang in die Rente, schreibt Hans Martin Hasselhorn. Hasselhorn leitet den Lehrstuhl für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Viele Menschen würden gerne früher in den Ruhestand gehen. Doch drei von zehn befragten Personen aus Hasselhorns Forschung geben an, sich das überhaupt nicht leisten zu können. Die Forschung zeige, dass es sich bei ihnen gleichzeitig um diejenigen mit dem schlechtesten Gesundheitszustand und der geringsten Arbeitsfähigkeit handelt. Rentenreformen, die fair gestaltet sein wollen, müssten das berücksichtigen.
→ HANS MARTIN HASSELHORN, Wer arm ist, arbeitet länger – und riskiert dabei oft seine Gesundheit
Mehr Gesundheit wagen
Friedrich Schorb plädiert für 2026 für eine offensivere Gesundheitsförderung. Er ist Gesundheitssoziologe an der Universität Bremen. Angesichts der immer spürbareren Kostenkrise im Gesundheitswesen erwartet er, dass Leistungen gekürzt werden und die Schuld bei chronisch Kranken und Menschen jenseits gesellschaftlicher Normen gesucht werde. Um sich selbst nicht überflüssig zu machen, müssten sich Akteur*innen der Gesundheitsförderung trauen, lautstark Macht- und Verteilungsfragen zu stellen.
→ FRIEDRICH SCHORB, Make Gesundheitsförderung Great Again
Marion Amler leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Vereins Gesundheit Berlin-Brandenburg. Sie meint: Das Gesundheitssystem sollte kein Reparaturbetrieb sein, sondern bessere Lebenschancen und gemeinschaftliches Wohlergehen bringen. Nur knapp fünf Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland entfielen auf Prävention. Ungleichheit werde durch die aktuelle Bundespolitik vergrößert. Amlers Wunsch: “Ein mutiger, positiver Blick in die Zukunft” – und weiter als bis zur nächsten Wahl.
→ MARION AMLER, Raus aus dem Reparaturbetrieb: Heranwachsende Blick
Wie entwickelt sich die Demokratie?
Angesichts der Landtagswahlen in fünf Bundesländern sieht Dagmar Starke den Schutz der Demokratie als entscheidend für gesundheitliche Gerechtigkeit. Starke leitet in Düsseldorf die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen. Als Beispiel nennt sie Sonneberg in Thüringen, den bislang einzigen Landkreis mit Landrat aus einer als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei. Dort habe sich gezeigt, dass sich die gesundheitliche Versorgung und das Bildungsangebot seit dessen Amtsantritt verschlechtert hätten. Eine Landesregierung hätte allerdings noch größeren Einfluss als ein Landrat.
→ DAGMAR STARKE, Demokratie stärken für mehr gesundheitliche Gerechtigkeit
Heinz-Jürgen Voß hat die Professur für Sexualwissenschaften und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg. Voß sieht die demokratischen Parteien im kommenden Jahr an einem Scheideweg. Entweder machten sie ihre Haltung deutlich und festigten die Selbstbestimmung von Körper, Geschlecht und Sexualität im Sinne des Grundgesetzes. Oder sie orientierten sich an den weltweiten rechten Tendenzen und nutzten Themen der geschlechtlichen und sexuellen Selbstbestimmung, um von der wirtschaftlichen Entwicklung abzulenken.
→ HEINZ-JÜRGEN VOSS, Geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung werden gefestigt
Ein*e anonyme*r Nachwuchswissenschaftler*in findet, dass auch wenn die Waffen offiziell in Gaza schweigen mögen, der Begriff “Frieden” für die dortige Gesundheitslage eine zynische Illusion sei. “Stille Tode” seien die Folge nicht verfügbarer essentieller Medikamente. In 2026 müsse auch die deutsche öffentliche Gesundheitsforschung Verantwortung übernehmen und beitragen, die Datengrundlage zu schaffen, auf Basis derer internationale Gerichte Gerechtigkeit sprechen könnten.
→ ANONYM, Gaza wird im Schatten des “Friedens” physiologisch ausgelöscht
Das Private ist politisch
Angesichts der politischen Verhältnisse der Bundesrepublik sieht Samson Grzybek die größte Möglichkeit für Veränderung bei denjenigen, die tagtäglich im Gesundheitssystem wirken. Solange Menschen zwischen den Zugängen und den Patient*innen stehen, lasse sich Diskriminierung nicht stoppen. Daher seien es die, die Haltung beweisen, ihre Praxistüren für alle Menschen öffnen, sich weiterbilden, ihr Unwissen und ihren Umgang reflektieren und nachbessern, die den größten Einfluss auf faire Gesundheit hätten. Mit Queermed sammelt Grzybek deshalb sensibilisierte Praxen.
→ SAMSON GRZYBEK, Weil Gesundheit auch Haltung bedeuten muss
Solveig Lena Hansen leitet an der Universität Bremen die Arbeitsgruppe Public Health Ethik und Health Humanities. Sie prognostiziert, dass sich im kommenden Jahr der Diskurs um sogenannte vulnerable Gruppen verändern wird. Die Diskussion werde stärker vom Blick auf die Privilegien derjenigen geprägt, die finanzielle Sicherheit, Frieden, Meinungsfreiheit, Bildung und ein diskriminierungsfrei(er)es Leben führen könnten.
→ SOLVEIG LENA HANSEN, Privilegien werden offener diskutiert
Bettina Enzenhofer, Lucia Mair und Brigitte Theißl betreiben das feministische Gesundheitsmagazin Our Bodies. Für sie zeigt sich in den kommenden 12 Monaten, welchen Stellenwert wir als Gesellschaft dem gegenseitigen Respekt geben. Zwar brauche es für eine gerechte Gesundheit Chancengerechtigkeit auf allen Ebenen, Strukturen müssten reformiert und Armut bekämpft werden. Doch das ginge nicht von einem Tag auf den anderen. In Zeiten gesellschaftlicher Abwertung von Menschen gelte es daher, alle mit Respekt zu behandeln.
→ BETTINA ENZENHOFER, LUCIA MAIR UND BRIGITTE THEISSL, Respekt ist Voraussetzung für faire Gesundheit
Auf unserer Website findest du eine vollständige Übersicht über alle Vorhersagen für faire Gesundheit in 2026. Schreib uns gerne, welche Perspektive du teilst – oder welcher Prognose du gerne widersprechen würdest.
Medientipps
Was du sonst noch wissen solltest
Macht das Bürgergeld Kinder satt? – alles eine Frage der Berechnung
10.11.2025, Martin Rücker/Riffreporter, 5 Minuten
Das Bürgergeld reicht nicht aus, um eine gesunde Ernährung für Kinder und Jugendliche zu bezahlen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie. In einer Zusammenfassung, die im Bundesgesundheitsblatt erschienen ist, steht allerdings das genaue Gegenteil. Möglich ist das durch veraltete Preise und niedrige Kalorienbedarfe und Berechnungen, die ignorieren, dass Menschen je nach Alter und Geschlecht unterschiedlich viel Essen brauchen.
Kommt das Zuhause für alle?
16.11.2025, Jasmin Kalarickal/taz, 15 Minuten
Bis 2030 soll in Deutschland niemand mehr wohnungslos sein. Das ist zumindest das Ziel des Nationalen Aktionsplans gegen Wohnungslosigkeit, der 2024 beschlossen wurde. In den kommenden knapp fünf Jahren sollen demnach mehr als eine halbe Million Menschen mit Wohnraum versorgt werden, die grad keinen haben. Wie realistisch ist das? Und vor allem: Was denken diejenigen darüber, die heute auf der Straße leben?
Hilfe, die Frau hat Brüste – wie kann ich da reanimieren?
20.11.2025, Theresa Moosmann/Spiegel, 9 Minuten, €
Scham kann dazu beitragen, dass Frauen im Fall eines Herzstillstandes seltener oder später reanimiert werden. Brüste, die quasi jeder Mensch hat, werden zum vermeintlich unüberwindbaren Hindernis, wenn die Pads eines Defibrillators auf die nackte Haut einer Frau geklebt werden müssten. Doch es gibt einen Ansatz, der gegen die Scham helfen könnte – und er ist ziemlich offensichtlich.
Demenz ist keine Privatsache
26.11.2025, Frederic Valin/taz, 3 Minuten
Demenz ist eine Diagnose, die immer häufiger wird – und vor der viele Menschen große Angst haben. Ratgeber empfehlen, was zu tun ist, um der Krankheit aus dem Weg zu gehen. Doch bei aller Prävention und aller Hoffnung auf viele gesunde Lebensjahre: Das Leid und die Angst vor der Krankheit kommen auch daher, dass für demente Menschen kein Platz in unserer Gesellschaft ist.
Neuer Armutsbericht: Es fehlen nicht Daten, sondern Maßnahmen
03.12.2025, Christoph Butterwegge/Surplus, 6 Minuten
Die Bundesregierung hat den siebten Armuts- und Reichtumsbericht veröffentlicht. Für das Surplus-Magazin befindet der Armutsforscher Christoph Butterwegge, dass sich die Bevölkerung an die wachsende Ungleichheit gewöhnt habe. Im Bericht vermisst er eine Analyse der Ursachen dahinter und daraus folgende Maßnahmen.
Abnehmen um jeden Preis?
03.12.2025, team.recherche/ARD, 36 Minuten
Unter dem Hashtag “SkinnyTok” wurden auf Social-Media-Plattformen lange problematische Inhalte rund ums Abnehmen und Schlanksein geteilt. TikTok hat ihn mittlerweile gesperrt. Doch trotzdem gibt es immer noch etliche Videos, die dünne Körper als ein Ideal präsentieren, das mit zu wenig Essen und zu viel Sport erreicht werden soll. Der Content kann zu Essstörungen führen – und immer öfter auch zu Anbietern, die mit dem Skinny-Hype und fragwürdigen Methoden Gewinn machen.