Datum: 28.07.2022
Absender: mail@upstream-newsletter.de
Betreff: Wir können Gewichtsdiskriminierung überwinden
Upstream #16

Bei uns erfährst du, wie:

Wir können Gewichtsdiskriminierung überwinden

Hallo, schön, dass du wieder dabei bist!

Es ist jetzt gut eine Woche her, dass in Deutschland neue Höchsttemperaturen gemessen worden sind. Am 20. Juli war es an zahlreichen Orten mehr als 40 Grad warm. Bei uns, in Halle und Leipzig, war es nur unwesentlich kühler. Wir hoffen, du hast die Hitze gut verkraftet. Weil so hohe Temperaturen ein Risiko für die Gesundheit sind, haben wir unter “Aktuelles” viele Inhalte dazu verlinkt. Wenn du wissen möchtest, wie sich der Klimawandel generell auf unsere Gesundheit auswirkt, findest du hier unsere Klima-Ausgabe.

In dieser Ausgabe geht es aber um ein anderes Thema: Wir schließen unsere Reihe rund um Gewicht und Gewichtsdiskriminierung ab. In den vergangenen Wochen haben wir gelernt:

  1. Hohes Gewicht gilt in der Medizin nicht nur als Risikofaktor, sondern als Krankheit.
  2. Diese Einstufung verschärft Gewichtsdiskriminierung – die wiederum krank macht.
  3. Es gibt Ansätze, die Körpergewicht und Gesundheit voneinander entkoppeln.

Jetzt wollen wir all diese Erkenntnisse nochmal sortieren: Wie gelingt uns ein Umgang mit Körpergewicht, der Würde und Wohlbefinden für alle bedeutet? Und wie können wir Gewichtsdiskriminierung effektiv entgegentreten?

Stretch nochmal den Scrollfinger: In dieser Ausgabe gibt es gleich zwei Gespräche mit vielen wichtigen Antworten. Und wir werfen einen weiteren Blick auf die Studienlage.

Viel Spaß beim Lesen wünschen dir
Sören und Maren

P.S. Du würdest uns eine Freunde machen, wenn du die Ausgabe an interessierte Freund*innen oder Kolleg*innen weiterleitest.

Takeaways

Das erwartet dich in dieser Ausgabe

  • Interview: Hohes Gewicht kann ein Risiko für die Gesundheit sein – deswegen diskriminiert werden, ebenso. Wie Mediziner*innen damit verantwortungsvoll umgehen können, haben wir die Wissenschaftlerin Claudia Luck-Sikorski gefragt.
  • Schlaglichter: Stigmatisierung und Diskriminierung von Gewicht müssen überwunden werden, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Studien zeigen, wie das gelingt.
  • Interview: Wir können Gewichtsdiskriminierung nur bekämpfen, wenn wir Rassismus bekämpfen, sagt Maria González Leal. Warum, und wie Weiße Menschen dabei Allys sein können, darüber sprechen wir mit Mary.
  • Aktuelles: Wir liefern dir Infos rund um Hitzewelle und Klimawandel. Außerdem geht es um Psychotherapie für angehende Lehrkräfte.
Interview
Portrait von Claudia Luck-Sikroski. Rechts davon der Text: Interview. “Adipositas kommt in der Mediziner*innen-Ausbildung nicht als eigenständiges Krankheitsbild vor” Claudia Luck-Sikorski, SRH Hochschule Gera

“Adipositas kommt in der Mediziner*innen-Ausbildung nicht als eigenständiges Krankheitsbild vor”

Hohes Gewicht kann ein Krankheitsrisiko sein – ebenso wie Gewichtsdiskriminierung. Wie gelingt es Ärzt*innen, Menschen bestmöglich und respektvoll zu behandeln? Das haben wir Claudia Luck-Sikorski gefragt. Sie ist Professorin für Psychotherapie an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera und hat am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositaskrankheiten (IFB) in Leipzig geforscht. Seit mehr als einem Jahrzehnt setzt sie sich wissenschaftlich mit den Themen Gewicht, Gewichtsdiskriminierung, Stigmatisierung und deren psychische Folgen für Betroffene auseinander.

>>> Shortcut: Du möchtest direkt das ungekürzte Interview lesen? Hier entlang.

Upstream: Frau Luck-Sikorski, wie trägt Stigmatisierung in der Medizin zum Gesundheitsrisiko dicker Menschen bei?

Claudia Luck-Sikorski: Auch im ärztlichen Gesundheitssetting sehen wir noch immer die Annahme, dass Menschen mit Übergewicht selbst daran schuld seien. Das überrascht nicht: Adipositas kommt in der Mediziner*innen-Ausbildung nicht als eigenständiges Krankheitsbild vor, sondern nur als Risikofaktor für andere Krankheiten. Und leider lockt das Thema bei Weiterbildungen Kolleg*innen eher selten hinterm Ofen hervor. Das hat auch mit Frust zu tun. Wir sind mit einem Gesundheitssystem konfrontiert, das Adipositas zwar mittlerweile als Krankheit klassifiziert, aber kein Behandlungsangebot macht.

Inwiefern trägt die Einstufung von Adipositas als Krankheit selbst zum Stigma bei?

Luck-Sikorski: Das ist so. Darum diskutieren sowohl die Gemeinschaft der Menschen mit Adipositas als auch Wissenschaftler*innen das kritisch. Ich persönlich sehe die Pathologisierung pragmatisch aus der Perspektive der Versorgungsrealität: Ja, man pathologisiert. Gleichzeitig eröffnet man die Möglichkeit, überhaupt eine Behandlung zu bekommen. Der Status quo in Deutschland ist an dieser Stelle desaströs. Wir bekommen nicht mal ordentliche Präventionsangebote hin. Aber für viele Menschen fühlt sich sehr starkes Übergewicht an wie eine Erkrankung, teilweise wie eine Behinderung.

Sie haben zu der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung von Adipositas als Krankheit und als Behinderung geforscht. Was haben Sie herausgefunden?

Luck-Sikorski: Insbesondere Menschen mit höherem Gewicht, die diskriminiert werden, wünschen sich einen Schutz durch das Behindertenrecht. Bisher ist Gewicht jedoch kein gesetzlich festgeschriebener Schutzgrund. Immer wieder zeigen Studien, dass diesen Menschen Arbeitsmarktchancen verwehrt werden. Das beginnt mit dem Bild auf der Bewerbung und geht weiter mit arbeitsrechtlichen Schutzmaßnahmen. Es gibt Menschen mit Adipositas, für die ein besonderer Schutz essentiell ist, um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben weiter zu ermöglichen. Um eben rauszukommen aus dieser Ungleichheitsschleife. Gerade bei Frauen mit Adipositas sehen wir einen deutlichen sozialen Gradienten.

Was muss sich in der medizinischen Praxis ändern, damit Patient*innen mit hohem Gewicht Leitliniengerecht und würdevoll behandelt werden?

Luck-Sikorski: Das fängt bei der Praxisausstattung an. In einer Hausarztpraxis hat mindestens jede*r Vierte hohes Gewicht. Ärzt*innen müssen dafür sorgen, dass in jeder Praxis genügend Stühle für Menschen mit Adipositas da sind. Das gleiche gilt für Waagen oder Manschetten. Aber neben diesen Basics braucht es selbstverständlich auch eine empathische, verständnisvolle Ansprache durch die Kolleg*innen. Die Ansprache darf nicht aus dem erhobenen Zeigefinger bestehen, sondern sollte sensibel mit dem Thema umgehen und sich auch Erlaubnis einholen. Wir behandeln Menschen nicht gegen ihren Willen. Warum ist das dann bei Adipositas Usus?

Zu Beginn unseres Gespräches sagten Sie, es wird seit etlichen Jahren an der Stigmatisierung von Adipositas geforscht, aber es gehe gesellschaftlich kaum voran. Was gibt Ihnen trotzdem Hoffnung?

Luck-Sikorski: An vielen Ecken und Enden verstehen wir viel besser, wie die Erkrankung Adipositas entsteht. Es war bahnbrechend, festzustellen, dass Fettgewebe kein totes Gewebe ist, sondern funktional. Dass es in der Entstehung damit zusammenhängt, dass jemand übergewichtig ist und bleibt. Wir wissen viel mehr über die Interaktion von Hirn, Stress und Essen. Das öffnet Möglichkeiten für neue Behandlungsmethoden. Gleichzeitig haben wir Langzeitdaten zu bariatrisch operierten Patient*innen und werden zunehmend besser darin, Patient*innen für diese Therapie auszuwählen. Fakt ist allerdings auch, dass kein Land der Welt diesen Trend grundsätzlich umkehren konnte bisher.

>>> Weiterlesen: Das hier ist die gekürzte Version unseres Interviews mit Claudia Luck-Sikorski. Das vollständige Interview liest du auf unserer Website. Dort sprechen wir außerdem über die Rolle von Krankenkassen bei der Stigmatisierung von Adipositas, darüber, was hinter der strukturierten Adipositastherapie steckt und über die Frage nach Alternativen zum Body Mass Index.

Schlaglichter

Wohlbefinden für alle – das geht nur gewichtsinklusiv

Stigma und Gewichtsdiskriminierung haben viele Gesichter und treffen Menschen auf verschiedene Weise. Darum ist es wichtig, zu wissen, wie sie wirken – und ihnen dann gezielt entgegenzuwirken. Wir stellen drei Studien vor, die Erklärungen liefern.

Vier Ansätze, um Gewichtsstigmatisierung zu bekämpfen

Wie wirkt Gewichtsstigmatisierung? Wie kann Public Health dem Stigma begegnen? Damit haben sich drei britische Forscher*innen auseinandergesetzt. Sie sagen:

“Empirische Evidenz zeigt, dass die Annahme, Stigmatisierung sei ein effektives Mittel, um Menschen mit Adipositas zum Abnehmen zu bringen, ein gesellschaftlicher Irrglaube ist."

Stattdessen sei das Stigma nichts anderes als schädlich. Beispielsweise zeigte sich in einer Langzeitstudie unter älteren Menschen in England, dass Gewichtsdiskriminierung den Zusammenhang zwischen Gewicht und depressiven Symptomen maßgeblich beeinflusst. Ein weiteres Paper, auf das die Forschenden verweisen, stellt dar, wie Menschen mit hohem Gewicht von der Gesundheitspolitik vernachlässigt werden.

Um dem Stigma entgegenzuwirken, schlagen die Forscher*innen folgende Ansatzpunkte vor:

  • Sprache: Gesundheitsleitlinien und -Tipps sollten neutrale Sprache verwenden. Zum Beispiel könne man “hohes Gewicht” sagen, statt “krankhaftes Übergewicht”.
  • Gesetzgebung: Gesetze sollten marginalisierte Gruppen, wie Menschen mit hohem Gewicht, vor Diskriminierung schützen.
  • Medien: Medien sollten dicke Menschen nicht stigmatisierend darstellen. Dafür sollten Medienhäuser Gewichtsdiskriminierung in Kodizes und Guidelines berücksichtigen.
  • Fokus: Gesundheitspolitik sollte die Gesundheit in den Mittelpunkt stellen, nicht die Gewichtsreduktion.

>>> Unsere Gesundheitspolitik ist nicht gewichtsinklusiv. Fünf Tipps, wie sie es werden kann, haben wir schon in Ausgabe 14 erklärt. Hier kannst du sie nachlesen.

Jugendliche besser vor Gewichtsdiskriminierung schützen

Als Jugendliche und junge Erwachsene ist unsere psychosoziale Entwicklung in vollem Gange. Dabei sind gute soziale Beziehungen ein wichtiger Faktor. Zurückweisung trifft uns umso schwerer. Ein US-amerikanisches Forscher*innenteam hat deshalb untersucht, wie es Teenager*innen und junge Erwachsene beeinflusst, wegen ihres Gewichts gehänselt zu werden.

Das Team um Laura Hooper hat rund 1.500 Jugendliche befragt: Einmal 2010 im Alter von 14 Jahren (Mittelwert), ein zweites Mal acht Jahre später, als die Befragten 22 Jahre (Mittelwert) alt waren. Das haben sie herausgefunden:

  • Im Alter von 14 Jahren hatte etwa ein Drittel der Teenager*innen Hänseleien wegen ihres Gewichts erlebt. Acht Jahre später berichteten rund 42 Prozent davon.
  • Wer wegen seines Gewichts geärgert wurde, hat mit höherer Wahrscheinlichkeit Diäten ausprobiert oder sogar ein gestörtes Essverhalten entwickelt.
  • Schwarze, Indigene oder Teenager of Color hatten im Vergleich zu ihren Weißen Peers öfter erlebt, wegen ihres Gewichts gehänselt zu werden, und berichteten häufiger davon, Diäten ausprobiert und ihr Gewicht auf ungesunde Weise kontrolliert zu haben.

Um diese Missstände zu beheben, schlägt das Team um Hooper vor:

  • die Erkenntnisse in zukünftiger Forschung und Prävention zu berücksichtigen,
  • Gewichtsdiskriminierung in Anti-Bullying-Kampagnen zu bedenken,
  • die jungen Menschen, insbesondere BIPOC und sozio-ökonomisch benachteiligte Teenager*innen, in solche Kampagnen einzubinden,
  • Anti-Bullying-Kampagnen nicht nur auf Teenager*innen abzuzielen, sondern auch auf ihre Familien, Lehrer*innen, Trainer*innen, etc.

Gewichtsinklusive “Fitspiration” schafft gesunde Motivation für Sport

Unter Hashtags wie #fitspiration können wir auf Instagram Millionen von Bildern sportlicher, sehr schlanker Menschen sehen. Vor allem Letzteres kann das Körperbild von Frauen verschlechtern, die solche Bilder ansehen, zeigte eine Studie schon vor zehn Jahren. Die Fotos können zudem dazu führen, dass die Motivation für Sport vor allem daher kommt, dass die Betrachtenden Gewicht verlieren und schlank aussehen wollen. Das haben zwei kanadische Wissenschaftlerinnen mit einem Online-Experiment festgestellt.

Was ihre Studie allerdings auch gezeigt hat: Junge Probandinnen, die gewichtsinklusive Fitness-Fotos betrachtet haben, waren danach nicht unzufriedener mit ihrem Körper. Zudem zeigten die Frauen Motivation für Sport – einfach, weil sie Lust auf Sport hatten, nicht, weil sie ihr Aussehen ändern wollten. So könne gewichtsinklusiver Fitness-Content auf Instagram dazu beitragen, das Stigma gegenüber dicken Menschen zu reduzieren, auf eine gesunde Art zu Sport motivieren und zum Wohlbefinden junger Frauen beitragen, schließen die Forscherinnen.

Interview
Portrait von Maria González Leal. Links davon der Text: Interview. Der Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung ist antirassistisch. Maria González Leal, Antidiskriminierungsberater:in

Der Kampf gegen Gewichtsdiskriminierung ist antirassistisch

Worte haben Macht, denn Sprache wird genutzt, um Menschen abzuwerten und zu verletzen. Maria González Leal wählt ihre Worte deshalb genau: Maria beschreibt sich selbst als Schwarz, Afro-cubanisch-deutsch, fett, queer und ostdeutsch sozialisiert. Statt be- oder abwertender Worte über das Gewicht von Menschen spricht Maria von “großen Körpern”. Als Antidiskriminierungsberater:in, Moderator:in, Trainer:in Autor:in und als BodyMary auf Instagram gibt Mary ihr Wissen weiter. Wir haben mit ihr über Rassismus, Sexismus und Gewichtsdiskriminierung gesprochen – und darüber, wie sie bekämpft werden können.

>>> Shortcut: Das vollständige Interview und eine Liste mit Literatur- und Instagramtipps findest du auf unserer Website.

Upstream: Mary, welche Rolle spielt Rassismus bei der Abwertung großer Körper?

Mary: Die Norm ist weiß, dünn, männlich, cis, heterosexuell. Sie ist ableisiert und akademisiert und hat Zugang zu kulturellem, soziokulturellem und ökonomischem Kapital. Sie ist geschaffen worden, um Menschen zu privilegieren, die ihr angehören, und Menschen zu diskriminieren, die ihr nicht entsprechen. Die Schwarze Frau mit einem großen Körper ist die Antithese dazu. Ihr Körper ist alles, was wir nicht sein sollen. Dr. Sabrina Strings zeigt das in ihrem Buch “Fearing the Black body – the racial origin of fatphobia” auf. Um diese Diskriminierung verstehen zu können und Strategien zu entwickeln, um sie abzubauen, muss Mensch sich die Geschichte von Sarah Baartman angucken.

Wer ist Sarah Baartman?

Mary: Sarah Baartman war eine Khoikhoi, eine Schwarze Frau aus Südafrika, die nach Frankreich verkauft wurde. Sie wurde dort ausgestellt, quasi als Antithese zu einem Normkörper, als moralisch entwerteter Körper. Die Tortur ging nach ihrem Tod weiter. Ihre Körperteile, wie Busen, Vulva und Po, wurden in französischen Museen ausgestellt. Erst 2002 hatte eine Klage von Südafrikaner:innen und Aktivist:innen Erfolg und Frankreich hat ihre Überreste zurückgegeben.

Was bedeutet das, ein “moralisch entwerteter Körper”?

Mary: Das hat etwas mit der protestantischen Bewegung zu tun. Ein maßvolles Leben ist die oberste Regel. Das bedeutet: Ein asketisches Leben, fokussiert auf Arbeit, Leistung und Glauben. Das war ein Problem, vor allem in den USA. Weiße Menschen sind unfassbar reich geworden, durch Versklavung, Ausbeutung und den Genozid an Schwarzen und indigenen Menschen. Wie passt das mit Protestantismus zusammen? Da wurde eine Brücke über körperfeindliche Motive geschlagen. Gier und Völlerei waren schon im Katholizismus als schlecht, als Todsünde markiert. Jetzt hieß es: Wenn ich hart arbeite und spare, dann bin ich ein guter Mensch. Hart arbeitende Menschen sind dünn. Der große Körper dagegen ist Völlerei, ist gegen den Glauben. Das hat bis heute Bestand.

Wie ist unsere Vorstellung heute?

Mary: Große Körper sind mit moralischem Versagen gekoppelt. Wir verbinden Schuld und Scham mit “schlechten” Lebensmitteln. Noch heute haben nicht nur Museen, sondern auch Mediziner*innen und Wissenschaftler*innen Exponate, die dringend einer Dekolonialisierung bedürfen. All diese Denkmuster sind tief im christlichen Kolonialismus und Kapitalismus verankert. Wir sagen zwar, Menschenrechte gelten für alle, alle Körper sind gut und haben Würde verdient. Die Realität ist aber, dass es Menschen mit Körpern gibt, die sich die Würde erst erarbeiten oder erklagen müssen.

Wie meinst du das?

Mary: Ein Beispiel ist die Diskussion um die Triage im Kontext von Corona. Menschen mit Ge_Behinderung, Menschen mit großen Körpern oder Menschen, die älter als 60 Jahre sind, bekommen im Fall einer Triage keine Notversorgung. Es heißt, dass sie eine schlechtere Wahrscheinlichkeit haben, dass die Behandlung gut anschlägt. Das ist eine Wahrscheinlichkeit, wir wissen es nicht. Das Problem könnte gelöst werden, indem es mehr Intensivbetten gibt, mehr Notfallversorgung. Wird es aber nicht. Das ist eine Entscheidung, die ganz klar sagt: Wir wollen es uns als Gesellschaft nicht leisten, diese Menschengruppen gesundheitlich und medizinisch zu versorgen. (Anm.: Mary spricht von “Ge_Behinderung”, um sichtbar zu machen, dass Menschen von der Gesellschaft gehindert werden.)

Allein in diesem Beispiel kommen Gewichtsdiskriminierung, Alter und Ge_Behinderung vor. Dein Ansatz, dagegen zu kämpfen, ist intersektional. Was bedeutet das?

Mary: Das Konzept der Intersektionalität hat die Jurist:in Dr. Kimberlé Crenshaw in den 1970er-Jahren definiert. Es macht sichtbar, dass Mehrfachdiskriminierungen stattfinden, dass Diskriminierungsformen miteinander verlinkt sind und nicht im Singular stattfinden. Ich muss beispielsweise antirassistisch herangehen, wenn ich feministische Politiken etablieren will. Ansonsten profitieren nur weiße, privilegierte Frauen vom Feminismus.

>>> “Mitgemeint” ist nicht genug: In unserem Interview erklärt Mary, weshalb es ein Problem ist, wenn in der fettaktivistischen Community vorrangig Weiße Stimmen zu Wort kommen. Außerdem erfährst du, was du tun kannst, wenn du gewaltvolle und diskriminierende Ideen bei dir selbst feststellst. Hier geht es zum ganzen Gespräch mit Mary. Außerdem hat Mary uns zahlreiche Empfehlungen mitgegeben, wo wir mehr Wissen bekommen können.

Aktuelles

Was du sonst noch wissen musst

  • Fast neun Millionen Menschen in Deutschland sind durch Hitze besonders gefährdet. Das zeigen Recherchen von Correctiv. Das Problem: Bund, Länder und Kommunen machen kaum etwas, um gut durch heiße Tage zu kommen.
  • Wie genau uns Hitze gefährdet und was wir dagegen tun können, haben wir vor gut einem Jahr in unserer Informationssammlung “Hitze und Gesundheit” zusammengefasst.
  • Die Klimakrise lässt dich nachts nicht schlafen? Das liegt möglicherweise auch daran, dass unsere Schlafenszeit bei höheren Temperaturen sinkt. Teilnehmer*innen einer Studie haben so pro Jahr 44 Stunden weniger geschlafen. Mehr dazu liest du in der Tageszeitung taz.
  • Nicht nur Deutschland ist relativ schlecht auf regelmäßige Hitzewellen eingestellt. Wie Europa sich in Zukunft an extreme Hitze anpassen kann, liest du bei DW.
  • Stell dir vor, du benötigst Psychotherapie, traust dich aber nicht, weil deine berufliche Zukunft auf dem Spiel steht. So geht es zahlreichen angehenden Lehrer*innen in Deutschland. Sie sorgen sich darum, nicht verbeamtet zu werden. Shalin Rogall ist dem Problem für ultraviolett stories nachgegangen.
  • “Warum leiden alle meine Freunde unter Panikattacken?” Alexandra Theis hat den Psychotherapeuten Robert Willi gefragt, warum Angst und Panik unter jungen Menschen in Großstädten so verbreitet ist. Das Interview findest du im Onlinemagazin Vice.
Ausblick

So, das war’s: Mit dieser Ausgabe endet unsere Reihe über Körpergewicht und Gewichtsdiskriminierung. Alle Inhalte dazu findest du weiterhin in unserem Archiv (Ausgaben 13 bis 16). Das Ende der Reihe heißt natürlich nicht, dass uns das Thema künftig nicht mehr beschäftigen wird. Auf Instagram wird es bis zum Start unserer nächsten Reihe noch einige Inhalte dazu geben. Solltest du noch Fragen oder Hinweise zu Studien, Erfahrungen, Konzepten oder Projekten haben, lass uns gerne davon wissen.

Unsere Recherche für diese Reihe wäre anders verlaufen, hätten wir nicht so viel Input aus der Community bekommen. Das ist großartig und extrem wertvoll für unsere Arbeit. Darum: ein herzliches Dankeschön! Wenn du auch mal mit uns ins Gespräch kommen möchtest, geht das per E-Mail, Instagram oder Twitter.

Ein weiteres großes Danke geht an unsere Interviewpartner*innen für diese Reihe: Natalie Rosenke, Friedrich Schorb, Claudia Luck-Sikorski und Maria González Leal.

Jetzt haben wir dich lange auf die Folter gespannt. Worum geht es denn nun in den kommenden Ausgaben?!

Wir haben uns für das Thema Sucht und Abhängigkeit entschieden. Uns interessiert, wie Menschen abhängig werden – von Lebensmitteln, Genussmitteln oder von bestimmten Verhaltensweisen – und wie unsere Gesellschaft damit umgeht. Wir haben uns schon etwas im Themenkomplex umgeschaut und einige Dinge gefunden, die uns besonders interessieren.

Viel wichtiger ist aber: Was interessiert dich? Worüber möchtest du genauer Bescheid wissen? Wobei bist du vielleicht selbst Expert*in? Antworte uns gerne auf diese E-Mail.

Wir freuen uns, von dir zu hören. Den Auftakt zur Reihe liest du am 25. August in deinem Postfach.

Anhang

Transparenz

Rund um medizinische Themen sind Transparenz und Vertrauen wichtig. Darum stellen wir am Ende jeder Ausgabe unsere Quellen vollständig dar. Auf der Website ist unser journalistisches Selbstverständnis festgehalten.

Quellen

  • Brown, A., Flint, S. W., Rachel L. Batterham, R. L. (2022): Pervasiveness, impact and implications of weight stigma, eClinicalMedicine, Volume 47, 2022, 101408. ISSN 2589-5370. https://doi.org/10.1016/j.eclinm.2022.101408.
  • Bucchianeri, M. M., Gower, A. L., McMorris, B. J., Eisenberg, M. E. (2016): Youth experiences with multiple types of prejudice-based harassment. Journal of Adolescence, Volume 51, Issue 1, Pages 68-75. https://doi.org/10.1016/j.adolescence.2016.05.012.
  • Homan, K., McHugh, E., Wells, D., Watson, C., King, C. (2012): The effect of viewing ultra-fit images on college women's body dissatisfaction. Body Image, Volume 9, Issue 1, 2012, Pages 50-56. ISSN 1740-1445. https://doi.org/10.1016/j.bodyim.2011.07.006.
  • Hooper, L., Puhl, R., Eisenberg, M. E., Crow, S., Neumark-Sztainer, D. (2021): Weight teasing experienced during adolescence and young adulthood: Cross-sectional and longitudinal associations with disordered eating behaviors in an ethnically/racially and socioeconomically diverse sample. International Journal of Eating Disorders, Volume 54, Issue 8, Pages 1449-1462. https://doi.org/10.1002/eat.23534.
  • Jackson, S. E., Beeken, R. J., Wardle, J. (2015): Obesity, perceived weight discrimination, and psychological well-being in older adults in England. Obesity, Volume 23, Issue 5, Pages 1105-1111. https://doi.org/10.1002/oby.21052.
  • Juvonen, J., Lessard, L. M., Schacter, H. L., Suchilt, L. (2016) Journal of Clinicical Child and Adolescent Psychology, 2017 Jan-Feb, Volume 46, Issue 1, Pages 150-158. https://doi.org/10.1080/15374416.2016.1188703.
  • Pomeranz, J. L. (2012): A Historical Analysis of Public Health, the Law, and Stigmatized Social Groups: The Need for Both Obesity and Weight Bias Legislation. Obesity, Volume 16, Issue S2, Pages S93-S103. https://doi.org/10.1038/oby.2008.452.
  • Wood, M., Eva Pila, E. (2022): Investigating the effects of fit-normative and weight-inclusive Instagram images on women’s exercise motivations. Body Image, Volume 41, 2022, Pages 460-471. ISSN 1740-1445. https://doi.org/10.1016/j.bodyim.2022.04.003.

Zusätzliches Material:

Schlagworte:

Lass uns gemeinsam den gesundheitlichen Auswir­kungen von Ungleichheit auf den Grund gehen.