Datum: 23.12.2021
Absender: mail@upstream-newsletter.de
Betreff: #9 Corona, Klima: Der Upstream-Jahresrückblick 2021
Upstream #9

Wir blicken zurück auf das Jahr 2021.

Der Upstream-Jahresrückblick 2021

Wie uns Ungleichheit krank macht, beschäftigt uns seit mittlerweile neun Ausgaben. Die Suche nach Lösungen und Hoffnungsschimmern, ist oft frustrierend. Deshalb schicken wir weder euch noch uns mit einer klassischen Upstream-Ausgabe in die Feiertage.

Stattdessen haben wir Themen ausgewählt, die uns in diesem Jahr besonders beschäftigt haben: Corona und der Klimawandel. Ein Quell der Festtagsfreude sind die auch nicht, aber wichtiger Gesprächsstoff. Dazu haben wir einen bunten Teller mit aktuellen Empfehlungen gepackt. Im neuen Jahr geht’s dann mit neuen Themen weiter. Mehr dazu im Ausblick.

Eure Maren Wilczek, Anne Wagner und Sören Engels

P.S.: Das ist der erste Newsletter, in dem wir “euch” schreiben, nicht “Ihnen”. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, an der ihr euch in unserer letzten Ausgabe beteiligt habt. Wir hoffen, auch diejenigen, die sich lieber eine förmliche Ansprache gewünscht haben, bleiben uns treu. Wenn ihr uns mal zurück-duzen wollt, schreibt uns doch eine E-Mail oder erwähnt uns auf Twitter!

Warum Ungleichheit krank macht – das wird uns auch im kommenden Jahr beschäftigen. Wenn euch dieser Newsletter gefällt, erwähnt ihn doch beim Weihnachtsessen. Oder leitet ihn weiter. Hier könnt ihr Upstream abonnieren.
Takeaways

Das erwartet Sie in dieser Ausgabe

  • Corona: Im Sommer dachten wir, niemand will mehr von der Pandemie lesen. Jetzt beschäftigt sie uns immer noch.
  • Klimawandel: Gesunde Vorsätze fürs neue Jahr? Wie wär’s mit Klimaschutz? Wie dringend der ist, zeigt der Lancet Countdown Report zu Klimawandel und Gesundheit.
  • Bunter Teller: Das solltet ihr außerdem wissen.
Recap: Corona
Bild von Achterbahn mit rot-grünem Overlay. Darauf der Titel 'Recap: Corona. Warum die Pandemie so bald kein Ende finden wird.'

Warum die Pandemie so bald kein Ende finden wird

In unserer vierten Ausgabe haben wir uns mit Corona beschäftigt. Da hatte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus gerade erst gewarnt, dass die Pandemie fälschlicherweise als “coming to an end” dargestellt werde – obwohl kein Ende in Sicht sei. In dieser Zeit fiel häufig der Satz “Die Pandemie ist erst dann vorbei, wenn sie für alle vorbei ist.” Während viele von uns den Sommerurlaub geplant haben, verbreitete sich die Delta-Variante des Virus immer weiter.

Gesundheitskommunikation funktioniert nicht nach Gießkannenprinzip

Anja Knöchelmann ist Medizinsoziologin an der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie und ihre Kolleg*innen haben schon früh davor gewarnt, dass die Corona-Pandemie droht, gesundheitliche Ungleichheit zu verstärken. “Masken muss man sich zum Beispiel leisten können”, erklärt Knöchelmann, “Wenn Hartz-IV-Empfänger*innen nur wenige bekommen, haben sie ein höheres Risiko, sich anzustecken. Außerdem zeigt man damit, dass Masken vielleicht doch nicht so wichtig sind. Wären sie wichtig, würden die Menschen ja damit versorgt werden – es geht schließlich um die Gesundheit.”

Anja Knöchelmann sieht große Probleme bei der Wissenschafts- und Gesundheitskommunikation. “Mit dem Gießkannenprinzip kann man nicht alle Menschen erreichen”, sagt sie, “Die Informationen müssen zugeschnitten kommuniziert werden.” Fehlinformationen und das Hin und Her der Schutzmaßnahmen würden für Verwirrung sorgen. Dazu sind laut Knöchelmann diejenigen pandemiemüde, die sich vor einigen Monaten noch deutlich für Solidarität ausgesprochen haben: “Sie verhalten sich jetzt im Stillen solidarisch, lassen sich impfen und beschränken ihre Kontakte. Ich glaube, viele haben den Eindruck, sie werden nicht ernst genommen – dafür aber diejenigen, die falsche Wahrheiten verbreiten.”

Gesundheitschancen sind auch deshalb ungleich verteilt, weil Informationen nicht alle Menschen gleich gut erreichen. Im Interview mit Anja Knöchelmann lest ihr mehr über gescheiterte Kommunikation in der Pandemie – und wie sie besser gelingen könnte.

COVID-19, eine Syndemie

Wie ungleich die Gesundheitsrisiken in der Pandemie verteilt sind, zeigt eine Studie des Robert Koch-Instituts und des Instituts für Medizinische Soziologie in Düsseldorf. Darin wird ein Zusammenhang zwischen regionaler sozialer Benachteiligung und dem Risiko, an COVID-19 zu sterben, sichtbar. “In Gegenden, wo es den Menschen wirtschaftlich nicht so gut geht, hatten wir mehr COVID-19 Todesfälle”, fasst Nico Dragano, Medizinsoziologe und Sozialepidemiologe an der Universität Düsseldorf, das Ergebnis der Datenanalyse aus der zweiten Corona-Welle zusammen. Weitere Studien haben Dragano zufolge ähnliche Muster für die Inzidenzen gezeigt. Ursache dafür ist laut Dragano nicht nur die regionale Versorgungsstruktur, sondern die Tatsache, dass Menschen, die sozial benachteiligt sind, häufiger Risikofaktoren wie Übergewicht, Stress oder Vorerkrankungen haben.

Die Pandemie sei nicht nur selbst ein Gesundheitsproblem, sondern bringe weitere neue mit. “Man spricht von einer Syndemie, wenn das zugrundeliegende Gesundheitsproblem überzufällig häufig andere Krankheiten nach sich zieht”, sagt Dragano. Das treffe auf COVID-19 zu. Folgen der Pandemie seien beispielsweise Patient*innen, derzeit nicht versorgt sind, weil Kliniken bestimmte Eingriffe nicht durchführen können, Menschen, die sich aufgrund der Pandemie nicht zum Arzt trauen, unter Ängsten leiden oder Belastung durch Lockdown-Maßnahmen erleben.

Mehr über den Syndemie-Begriff erfahrt ihr in Ausgabe 4. Warum der Begriff nicht in der Öffentlichkeit ankommt? Das haben wir Nico Dragano im Interview gefragt.

“Wir brauchen eine Public Health Strategie, die den Namen auch verdient hat”

Dass Armut krank macht, ist keine neue Erkenntnis. Alle paar Monate sprechen wir über SARS-CoV-2 als Ungleichheitsvirus. Besonders viel getan hat sich dennoch nicht – außer in der Stadt Bremen, die auch Nico Dragano als Positivbeispiel anführt. “Was Bremen gemacht hat, sind klassische Public Health Maßnahmen: Geh in die Community, rede mit den Leuten und finde Lösungen. Das scheint gut zu funktionieren”, erklärt Dragano, “Wir brauchen in Deutschland endlich eine Public Health Strategie, die den Namen auch verdient hat.”

Gesundheitliche Ungleichheit müsse unbedingt Teil dieser Public Health Strategie sein. “Wenn dann in fünf Jahren arme Menschen in Deutschland nicht mehr acht Jahre früher sterben als Reiche, wie es jetzt der Fall ist, dann hätte sie ihren Namen verdient”, sagt Dragano.

Was die Politik leisten muss, um gesundheitliche Ungleichheit zu beheben und warum Nico Dragano sich “Fridays for Health Equity” wünscht, erfahrt ihr im Interview.

Alle reden über Bremen. Wir haben Anfang des Jahres mit Bülent Aksakal gesprochen, der dort als Gesundheitsfachkraft arbeitet: Was unternimmt die Stadt gegen Ungleichheit?

Recap: Klima
Fotografie-Mashup von Klimademonstrationen mit rot-grünem Overlay. Darauf der Schriftzug 'Recap: Klima. Die Zukunftsherausforderung: Der Klimawandel bedroht die Gesundheit weltweit'

Die Zukunftsherausforderung: Der Klimawandel bedroht die Gesundheit weltweit.

Der Klimawandel macht krank. Das merken wir, wenn Hitzewellen uns zu schaffen machen, oder sogar die Sterblichkeit erhöhen. Das sehen wir daran, dass Infektionskrankheiten wie das West-Nil-Virus in Gebieten auftreten, in denen sie vorher nicht zu finden waren. Und das vergangene Jahr hat in Deutschland einmal mehr schmerzlich gezeigt, welch hohe Kosten für Menschenleben Überschwemmungen haben können.

Und die Aussichten für die Zukunft? Die sind auch mies – wenn sich am Klimawandel nichts ändert. Das stellen mehr als einhundert Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Ländern und Disziplinen im diesjährigen Lancet Countdown Report fest. Der interdisziplinäre Bericht dreht sich seit 2016 einmal jährlich rund um Entwicklungen und Erkenntnisse zu Klimawandel und Gesundheit.

Während die Wissenschaftler*innen 2020 trotz Pandemie hoffnungsvoll die Chancen der Menschheit aufgezeigt haben, dem Klimawandel zu begegnen und allen ein gesundes Leben zu ermöglichen, titeln sie in diesem Jahr Code red for a healthy future, Alarmstufe Rot für eine gesunde Zukunft.

Miese Aussichten? – Ungleiche Verhältnisse!

Besonders betroffen von den Auswirkungen des Klimawandels seien Menschen in Ländern, die im Human Development Index (HDI) der vereinten Nationen einen niedrigen oder mittleren Wert erreichen. Der Klimawandel könne die Fortschritte, die dort in der Versorgung mit Nahrung und Wasser erreicht worden sind, wieder zunichte machen, schreiben die Forschenden. Hitze, die bereits in den vergangenen Jahrzehnten ein Gesundheitsproblem gewesen sei, könnte ein noch größeres Risiko für vulnerable Bevölkerungsgruppen werden. Und auch die Wirtschaft der Länder sei betroffen, wenn Arbeiter*innen in der Landwirtschaft aufgrund der Temperaturen nicht mehr arbeiten können.

In Ländern, in denen relativer Wohlstand herrscht, sind die Folgen des Klimawandels den Wissenschaftler*innen zufolge bislang weniger gravierend gewesen. Zudem haben die Menschen dort bessere Möglichkeiten, sich vor den Gesundheitsrisiken zu schützen. Doch letztendlich treffe der Klimawandel alle Menschen. Luftverschmutzung, Infektionskrankheiten oder Extremwetterereignisse wie Hitzewellen bedeuten für Menschen auf der ganzen Welt gravierende Gesundheitsrisiken.

Europa muss Verantwortung übernehmen

Eine ungleiche Antwort auf den Klimawandel würde letztendlich zum Scheitern aller führen, heißt es im Report. Gerade die wohlhabenden Nationen seien verantwortlich für den höchsten Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß – und damit auch dafür, etwas zu ändern. Mitten unter den Verantwortlichen: Die Europäische Union, für die die Wissenschaftler*innen ein eigenes Strategiepapier erarbeitet haben. Darin enthalten sind fünf Maßnahmen, die die EU ergreifen müsse, damit aus “Alarmstufe Rot” kein “Wir haben versagt” wird:

  • Die Gesundheitsfolgen von Hitze abmildern, beispielsweise durch Warn- und Schutzsysteme,
  • Mehr Grün, vor allem in den urbanen Zentren Europas: Parks, Spielplätze, Bepflanzungen in Wohngebieten,
  • Senken der Treibhausgasemissionen,
  • Verringern der Luftverschmutzung,
  • Fossile Energien durch erneuerbare ersetzen.

Kommt der Alarm an?

Trotz der schlechten Aussichten betonen die Wissenschaftler*innen des Lancet Countdown im diesjährigen Report auch, dass Regierungen jetzt noch die nie da gewesene Chance haben, bessere Gesundheit, weniger Ungleichheit sowie wirtschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit für alle Menschen auf der Welt zu ermöglichen.

In Deutschland haben wir dieses Jahr eine Bundesregierung gewählt, deren Parteien sich im Wahlkampf Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben haben. Was davon im Koalitionsvertrag übrig geblieben ist, hat nachhaltig.kritisch zusammengefasst.

Was denkt ihr? Werden wir im kommenden Jahr, ähnlich wie auf immer dunkler werdenden Inzidenz-Landkarten “Alarmstufe Lila” haben? Oder seht ihr Chancen, dass der Klimawandel gebremst werden kann? Schreibt uns eure Ansichten, Forschungsergebnisse oder Ideen! Ihr könnt dafür einfach auf diese E-Mail antworten.

Welche Folgen der Klimawandel für die Gesundheit hat, war Thema unserer dritten Ausgabe.

Aktuelles
Teasergrafik mit rot-grünem Hintergrund und dem Schriftzug: Aktuelles. Bunter Teller

Bunter Teller

Ausblick

Was für ein Jahr – auch deshalb, weil wir Upstream gestartet haben. Ende 2020 waren wir noch unsicher, was das hier werden soll. Jetzt, fast 50 Redaktionskonferenzen und mehrere tausend Mails später, sind wir froh, das Projekt gewagt zu haben. Ohne euch, eure Ideen, Wünsche, Hinweise, Kritik und Empfehlungen wäre das so nicht möglich gewesen. Habt größten Dank! Und nehmt euch gern fürs nächste Jahr vor, so toll zu bleiben.

Was unsere guten Vorsätze angeht: Wir wollen diesen Newsletter weiterentwickeln. Wie, das steht noch nicht im Detail fest. Ein paar erste gute Ideen gibt es. Aber wir brauchen eure Hilfe. Wenn ihr wisst, was uns fehlt und womit Upstream für euch noch spannender, nützlicher und wichtiger werden kann, dann schickt uns euren Wunschzettel per Mail an mail@upstream-newsletter.de. Ja, das geht auch nach Weihnachten. Und ja, auch die Luftschlösser und viel zu groß scheinenden Wünsche dürfen mit rauf.

Um all das austüfteln und erste Pläne umzusetzen, haben wir beschlossen, im Januar eine Pause einzulegen. Ihr lest das nächste Mal im Februar von uns – es sei denn, ihr folgt uns auf Twitter, denn dort wollen wir aktiv bleiben.

Wir sind gespannt und freuen uns auf 2022!

Anhang

Transparenz

Rund um medizinische Themen sind Transparenz und Vertrauen wichtig. Darum stellen wir am Ende jeder Ausgabe unsere Quellen vollständig dar. Auf der Website ist unser journalistisches Selbstverständnis festgehalten.

Zusätzliches Material:

Schlagworte:

Lassen Sie uns gemeinsam den gesundheitlichen Auswir­kungen von Ungleichheit auf den Grund gehen.