Datum: 27.05.2021
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Betreff: Warum sterben arme Menschen früher?

Warum sterben arme Menschen früher?

In dieser Ausgabe suchen wir Antworten auf die Frage, weshalb arme Menschen früher sterben als der Durchschnitt der Bevölkerung. Schon während der ersten Planung unseres Newsletters stand das Problem auf der Liste der Themen, mit denen wir uns befassen wollen. Als wir gemerkt haben, dass die Worte “soziale Benachteiligung” uns in praktisch jedem Recherchekontext begegnen, wurde uns die Dringlichkeit des Themas bewusst.

Was uns dagegen erst nach und nach bewusst geworden ist, sind das Ausmaß, die Auswirkungen und die vielfältigen Formen sozialer Benachteiligung. Wer privilegiert lebt und aufgewachsen ist, hat nur begrenzten Einblick in diese Lebensrealität. Im Studium mal kurzzeitig “pleite” zu sein, ist etwas anderes als in Armut zu leben. Außerdem ist das Bild, das wir von sozial benachteiligten Menschen haben, von Vorurteilen und Stereotypen geprägt. Geht es Ihnen da wie uns?

Diese Ausgabe ist ein Auftakt, um sich mit dem Zusammenhang von Armut und Gesundheit zu beschäftigen. Wir hoffen, erste Gedankenanstöße geben zu können, um uns künftig tiefer mit einzelnen Aspekten zu beschäftigen. Schreiben Sie uns eine E-Mail, worüber Sie mehr erfahren möchten oder von welchen weiteren Lösungsansätzen wir berichten sollten!

Ihre Anne Wagner, Maren Wilczek und Sören Engels

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Takeaways

Das erwartet Sie in dieser Ausgabe

Begriffe erklärt

Was arm sein bedeutet

Was ist Armut?

Würden alle Menschen in gleich verteiltem Wohlstand leben, müsste Armut wohl nicht gemessen werden. Dass Ursachen und Schwere von Armut erforscht werden, spiegelt wider, dass wir Armut vermeiden wollen – sowohl individuell, als auch aus der Sicht von Staat und Gesellschaft. Schließlich zeigt die Existenz von Armut das Scheitern sozialpolitischer Ziele. Absolute Armut bedeutet, dass die Grundbedürfnisse eines Menschen nicht gedeckt werden und widerspricht dem ganz grundsätzlichen Recht auf Leben. Relative Armut besteht im Vergleich zum Umfeld eines Menschen und kann unterschiedliche Abstufungen der materiellen Unterversorgung und Existenzbedrohung bedeuten.

Was heißt “arm sein” in Deutschland?

Das Statistische Bundesamt misst Armut anhand des relativen Werts der Armutsgefährdung. Als armutsgefährdet gilt, wer ein monatliches Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoäquivalenzeinkommens hat. Da dieses Nettoäquivalenzeinkommen schwankt, schwankt auch die Grenze der Armutsgefährdung. Für das Jahr 2019 lag sie bei monatlich 1176 € für eine alleinstehende Person und 2469 € für einen Haushalt, in dem zwei erwachsene Personen und zwei Kinder unter 14 Jahre leben. Fast jeder sechste Mensch in Deutschland ist nach dieser Einordnung von Armut bedroht.

Bin ich arm?

Mit diesem interaktiven Rechner der ZEIT können Sie testen, in welcher Lage Sie sich befinden: Armut, Prekariat, untere Mitte, Mitte, Wohlstand oder Wohlhabenheit. Das Konzept, auf dem der Test basiert, stammt von einer Bremer Forschungsgruppe unter Leitung des Soziologen Olaf Groh-Samberg. Es bezieht diverse Lebenslagen und Faktoren ein und ist damit deutlich komplexer als die Betrachtung der reinen Einkommensarmut. Eine Feststellung der Forscher*innen: Unter den Wohlhabenden geben 65 Prozent der Menschen an, mit ihrer Gesundheit zufrieden zu sein – unter denjenigen, die in Armut leben, sind es nur 45 Prozent.

Interview
Teaser für das Interview mit Gerhard Trabert über den Zusammenhang von Armut und Gesundheit. Oben links: Im Interview. Gerhard Trabert. Unten rechts: Arzt und Sozialarbeiter. Armut uns Gesundheit in Deutschland e.V. Links: Potrait von Gerhard Trabert.

“Armut macht krank und Krankheit macht arm.”

Gerhard Trabert ist Arzt, Sozialarbeiter und Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden. Seit über 20 Jahren ist er Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit e.V.

Herr Trabert, was verbindet Armut und Gesundheit?

Armut und Gesundheit hängen elementar zusammen. Schon Virchow hat Mediziner die “originären Anwälte” von Armut betroffener Menschen genannt. Bei Menschen, die in ökonomischer Armut leben, gibt es höhere Prävalenzquoten für alle Erkrankungen. Armut hat in unserer Gesellschaft nicht nur mit dem Verzicht von Konsumgütern oder Partizipationsmöglichkeiten zu tun, sondern Armut bedeutet hier, in dieser reichen Gesellschaft, dass man eher stirbt.

Wie bedingen sich Armut und Gesundheit gegenseitig?

Krankheit ist der dritthäufigste Grund, sich zu verschulden. Man spricht vom Selektionseffekt. Und wer in Armut aufwächst, ist auch kränker. Das ist der Kausationseffekt. Er betrifft besonders Kinder und wurde zum Beispiel 2006 in der KiGGS-Studie nachgewiesen. Also: Armut macht krank und Krankheit macht arm.

Jeder sechste Mensch in Deutschland ist armutsgefährdet und damit einem höheren Krankheits- und Sterberisiko ausgesetzt. Warum ist das öffentlich kein Thema?

Das ist schon ein Thema, zum Beispiel in der nationalen Armutskonferenz. Auch in der Bevölkerung kommt das Thema immer mehr an. Aber in der politischen Diskussion und bei den Entscheidungsträgern ist es noch nicht wirklich präsent. Vielleicht, weil arme Menschen keine Lobby haben, oder vielleicht braucht diese kapitalistische Demokratie auch ein Abschreckungsszenario: Wenn du nicht leistungsfähig bist und dich nicht den neoliberalen Regeln unterwirfst, wirst du in die Armut abgeschoben.

Wissen Mediziner*innen über den Zusammenhang von Armut und Krankheit Bescheid?

Da ist ein großes Defizit, was Wissen und Information angeht. Viele Ärztinnen und Ärzte kommen aus der Mittel- und Oberschicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man mit jedem Cent rechnen muss. Deswegen ist es wichtig, schon an der Stellschraube Medizinstudium zu arbeiten, um die Sensibilität zu erhöhen. Meines Erachtens muss es auch eine Pflicht-Fortbildungsqualifikation zu dem Thema für Mediziner*innen geben.

Abgesehen von Mindeststandards der Behandlung: Wie können Ärzt*innen von Armut betroffene Menschen unterstützen?

Es müsste mehr Vernetzung von Medizin und sozialer Beratung geben. Wenn ich als Mediziner oder Medizinerin von der Wechselwirkung von sozialem Status und Gesundheit weiß, muss ich das auch in der Anamnese abfragen. Die Behandlung von Menschen ist immer eine bio-psycho-soziale Aufgabe.

Zum Teil wird man dann mit Dingen konfrontiert, für die man gar nicht der primäre Ansprechpartner ist. Da müssten stationäre Einrichtungen wie Krankenhäuser mehr mit ambulanten sozialen Beratungsstellen und Unterstützungsstellen kooperieren. Für niedergelassene Ärzte ist es noch schwieriger, sich zu vernetzen und Patienten interdisziplinär zu versorgen. Darum müssten auch beim Hausarzt Sozialarbeiter angestellt werden. Ich verbinde diese Berufsgruppen ja in meiner Person und sehe, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten.

>>> Das Interview mit Gerhard Trabert wurde für den Newsletter gekürzt. Mehr Fragen und Antworten lesen Sie auf unserer Website.

Begriff erklärt

Ungleichheit messen: der Gini-Koeffizient

Gerhard Trabert war es auch, der uns dazu gebracht hat, uns näher mit der Verteilung von Einkommen in einer Gesellschaft zu beschäftigen. Wie gleich oder ungleich Einkommen verteilt ist, kann der Gini-Koeffizient angeben. Knapp erklärt, kann er zwischen 0 und 1 liegen. In einer Gesellschaft mit einem Gini-Koeffizienten von 0 würden alle Menschen über die gleichen Mittel verfügen. Wäre er 1, wäre das gesamte Einkommen in den Händen einer Person. In der Realität liegt der Gini-Koeffizient dazwischen. Ein Wert zwischen 0,2 und 0,35 spricht für eine relativ gleiche Verteilung, einer zwischen 0,5 und 0,7 für Ungleichheit.

>>> In unserem Glossar erfahren Sie mehr über die Berechnung des Gini-Koeffizienten.

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In Deutschland liegt der Gini-Koeffizient seit 2005 bei etwa 0,29. Damit spricht der Wert für eine relativ gleiche Einkommensverteilung. Ohne Steuern und Transferleistungen wäre er wesentlich höher.

Warum der Gini-Koeffizient wichtig ist?

Studien zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gesundheit besteht. Der englische Gesundheitsökonom, John Wildman, hat im Frühjahr 2020 gefragt, weshalb die Corona-Pandemie in den OECD-Ländern unterschiedliche Auswirkungen hat. Vor kurzem hat er ein Paper veröffentlicht, das zeigt: Je höher der Gini-Koeffizient in einem Land ist, desto höher waren auch die Fall- und Sterbezahlen in der ersten Welle. Als einen möglichen Grund vermutet Wildman, dass Länder mit gleicherer Einkommensverteilung auch ein stabiles Versorgungsnetz haben.

>>> Trotzdem können wir nicht sagen “Je höher der Gini-Koeffizient, desto schlechter die Gesundheit.” Warum, erfahren Sie im Glossar.

Studiensteckbrief
Teasergrafik für den Studiensteckbrief mit Screenshot der ersten Seite

Studie zeigt: Sparpolitik kann krank machen

Publikation: Journal of Epidemiology & Community Health

Autor*innen: Faraz Shahidi, Carles Muntaner, Ketan Shankardass, Carlos Quiñonez, Arjumad Siddiqi (Dalla Lana School of Public Health, Universität Toronto)

Gegenstand: Untersuchung des Einflusses der Hartz-IV-Reform auf die Gesundheit arbeitsloser Menschen in Deutschland mit Hilfe von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel

Zeitraum: Die Daten bilden den Zeitraum von 1994 bis 2016 ab. Die Untersuchung wurde 2020 veröffentlicht.

Hintergrund: Viele Regierungen führen weitreichende Sozialreformen durch, ohne Blick auf gesundheitliche Auswirkungen für vulnerable Gruppen.

Ergebnis: Die Prävalenz einer negativen Einschätzung der eigenen Gesundheit bei Hartz-IV-Empfänger*innen ist 3,6 Prozentpunkte höher als bei Arbeitslosen, die nicht von Leistungen nach dem SGB II (Arbeitslosengeld II) abhängig sind.

Gut zu wissen: Der Unterschied zeigt sich konstant seit der Einführung. Mögliche Störfaktoren wie beispielsweise Alter, Familienstand und Wohnort wurden berücksichtigt. Allerdings ließen sich nicht alle Störfaktoren ausschließen. Korrelation bedeutet nicht zwangsweise Kausalität. Die Autor*innen sehen dennoch eine mögliche Bedrohung für die Gesundheit der Betroffenen.

Praxistauglich
Teasergrafik für das Interview mit Bülent Aksakal. Oben links: Im Interview. Bülent Aksakal. Unten links: Gesundheitfachkraft in Bremer Quartierene. LVG & AFS Niedersachsen. Rechts: Potrait von Bülent Aksakal.

Was Bremen gegen gesundheitliche Ungleichheit während Corona unternimmt

Bereits vor der Pandemie war in Bremen klar, dass es enorme Unterschiede in der Lebenserwartung der Menschen gibt, je nachdem in welchem Stadtviertel sie wohnen. Ab dem Frühjahr 2020 ließen sich die gesundheitlichen Unterschiede dann an den stark voneinander abweichenden COVID-19-Fallzahlen der unterschiedlichen Stadtteile beobachten.

Die Landesregierung initiierte daraufhin das Projekt Gesundheitsfachkräfte in Bremer Quartieren. Mitarbeitende sollen vor Ort unter anderem durch niedrigschwellige Informationsangebote für gesundheitliche Aufklärung sorgen. Wir haben mit Bülent Aksakal, Gesundheitsfachkraft für das Projekt, gesprochen.

Bülent Aksakal sieht die Ursache der voneinander abweichenden COVID-19-Fallzahlen darin, dass in bestimmten Vierteln, beispielsweise Kattenturm oder Gröpelingen, viele Menschen schlechtergestellt seien. Dort gäbe es mehr Menschen, die arbeitslos sind oder eine Fluchtgeschichte haben. Wer arbeitet, habe häufiger prekäre Jobs in dicht gedrängten Verhältnissen.

Der Zugang zu verständlichen Informationen ist eine große Herausforderung

Es mangele nicht an der Bereitschaft zur Einhaltung der Coronaregeln, erklärt Aksakal im Interview. Aber für Bewohner*innen benachteiligter Viertel brauche es “vor allem niedrigschwellige Informationen und Menschen, die auf sie zugehen, weil sie nicht wissen, welche Informationen es wo gibt.”

Dafür sei eine enge Kooperation mit bestehenden Netzwerken aus städtischen Einrichtungen, Beratungsvereinen oder Ärzt*innen notwendig. So lassen sich Sozial- und Gesundheitsberatung eng miteinander verbinden. In der Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort ginge es auch darum, positive Vorbilder zu schaffen. So haben er und seine Kollegin mit einer Sozialakteurin aus dem Viertel zusammengearbeitet: “Sie ist gut vernetzt und hat mit den Anwohner*innen eine WhatsApp-Gruppe. Als sie sich impfen ließ, ist meine Kollegin mit zum Arzt gegangen. Wir haben das fotografiert und in die WhatsApp-Gruppe gestellt.”

>>> Was man darüber hinaus noch in Bremen zur Verbesserung der gesundheitlichen Ungleichheit tun sollte und warum man ökonomische Armut nicht mit menschlicher Armut verwechseln sollte? Lesen Sie dazu das Interview mit Bülent Aksakal auf unserer Website weiter.

Aktuelles

Das sollten Sie noch wissen

  • Unsere Kommiliton*innen Britta Zwigart, Irene Schulz und Oliver Haupt widmen sich dem Thema Sozialmedizin in der dreiteiligen Podcast-Serie Unbehandelt. Im ersten Beitrag geht es um erschwerte Zugänge der Gesundheitsversorgung innerhalb der EU. Am 28. Mai erscheint die nächste Episode zu Schwangerschaftsabbrüchen, am 4. Juni geht es um Utopien. Hörempfehlung! (Spotify/Soundcloud)
  • Die Monatszeitung OXI hat auf Twitter kritische Stimmen zum frisch erschienenen Armuts- und Reichtumsbericht zusammengetragen. (via Enthüllt/Okan Bellikli)
  • Im kalifornischen Oakland haben sich Obdachlose und Anwohner*innen zusammengetan und mit Cob on Wood eine Community geschaffen, in der 300 Menschen ihr Leben und ihre Versorgung selbst organisieren. The Guardian berichtet.
Ausblick

Im kommenden Monat beschäftigen wir uns pünktlich zur wärmeren Jahreszeit mit dem Zusammenhang von Klima und Gesundheit. Wer ist alles vom Klimawandel betroffen? Wie zeigen sich Klimaveränderungen an veränderten Krankheitsbildern? Und wie lässt sich das Thema in den medizinischen Alltag integrieren? Haben Sie Tipps oder Anregungen für unsere kommende Ausgabe, schreiben Sie uns gerne eine Nachricht.

Wissen ist Diskurs

Vielen Dank für die zahlreichen Rückmeldungen nach unserer letzten Ausgabe und dafür, dass viele unserer Leser*innen sich die Zeit genommen haben, sich uns vorzustellen. Das sind spannende Einblicke auf die andere Seite von Upstream. Einige von Ihnen haben von eigenen Projekten oder wissenschaftlichen Arbeiten berichtet, an denen sie mitwirken. Wir würden uns freuen, auf dem Laufenden zu bleiben.

Teilen möchten wir die Empfehlung von einer Leserin, die uns ein Briefing über das Framing von Gesundheit in den Medien der britischen Health Foundation weitergeleitet hat. Vielleicht mögen Sie ja auch einmal reinlesen.

Besonders wichtig war für uns, zu erfahren, welche Themen Sie interessieren. Die Liste ist vielfältig, doch ein Schwerpunkt hat uns besonders oft erreicht: psychische Gesundheit. Wir haben uns das notiert und werden die Wünsche in unserer Planung berücksichtigen.

Wir freuen uns weiterhin über den Dialog mit Ihnen. Schreiben Sie uns doch eine Nachricht, wie Ihnen unsere neue Kategorie des Studiensteckbriefs gefallen hat und welchen Aspekt des Zusammenhangs von Armut und Gesundheit wir künftig ausführlicher beleuchten sollten.

Anhang

Transparenz

Rund um medizinische Themen sind Transparenz und Vertrauen wichtig. Darum stellen wir am Ende jeder Ausgabe unsere Quellen vollständig dar. Auf der Website ist unser journalistisches Selbstverständnis festgehalten.

Literatur

Zusätzliches Material:

Schlagworte:

Lassen Sie uns gemeinsam den gesundheitlichen Auswir­kungen von Ungleichheit auf den Grund gehen.